Lower Village Voice, Artikel, Januar 2013, Print


Boss Maluk


Oder die Suche nach dem verlorenen Surfer


Von Adrian Witschi


Ben und Cooper sind bereits losgefahren. Ryan steht immer noch bei dem Mangobaum und zieht an seiner Nelkenzigarette. Unter dem Ping-Pong-Tisch pisst ein Hund in den weissen Sand. „He’s not gonna fucking make it“, sagt Ryan nach einer Weile und schüttelt seinen kantigen Kopf. Dann steigt auch er auf seinen Scooter und verschwindet in dem kleinen Stück Dschungel zwischen Strand und Dorf. Vielleicht hat er Recht, denke ich mir, vielleicht wird es dieses Mal wirklich eng für Percy.


Super Suck


Percy ist 27 Jahre alt. Oder 30, oder 24. So genau weiss das niemand hier. Seine bübischen Wangen sind von tiefen Furchen durchzogen und wenn er lacht, sind seine Zähne gelb und sein Zahnfleisch blass. Oft sitzt er stundenlang auf einem der beiden gelben Holzstühle am Strand, raucht Zigaretten, trinkt Orangensaft und blickt durch seine dunkle Sonnenbrille auf das Meer. Jedes Jahr im Mai, wenn zuhause in Australien der Winter kommt und der Regen die Menschen nachdenklich macht, schnappt sich Percy die wenigen Dollars, die er den Sommer über mit Maurerarbeiten verdient hat und zieht für 6 Monate hierher, nach Jelengah, ein kleines Küstendorf im Südwesten der indonesischen Insel Sumbawa. Hier sitzt er dann und wartet. Manchmal wochenlang, bis die Dünung genug gross und die Winde und Gezeiten richtig sind und „Super Suck“ wieder zum Leben erwacht. Percy ist ein Surfer und Super Suck die Welle, für die er lebt. Sogar auf die Innenseite seines Oberarms hat er sie sich tätowieren lassen, farbig und mit einem hübschen Sonnenuntergang im Hintergrund.
Super Suck ist nicht wie die Wellen, die man vom Strandurlaub kennt. Sie kräuselt sich nicht und sie rollt auch nicht gemächlich den Strand hinunter in Richtung Liegestühle. Super Suck explodiert. Rohe Energie, entstanden in den Roaring Forties und aufgestaut durch eine lange Reise über den tiefen Indik, entlädt sich über einem teils messerscharfen Korallenriff, das nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche liegt. Der Wellenkamm springt förmlich nach vorne und trifft erst unterhalb des Wellentals wieder auf die Wasseroberfläche. Was bleibt, ist ein Loch aus Wasser, eine grüner Raum mit fliessenden Wänden, eine Röhre aus Ozean, fast zweihundert Meter lang. „Barrel“ nennen die Surfer diesen Ort und alle wollen sie möglichst viel Zeit dort drin verbringen, alleine mit ihrem Adrenalin und weit weg von Stosszeiten, Kaffeepausen und Quartalszahlen. Percy verbringt verdammt viel Zeit in der Barrel. Wenn Super Suck läuft, ist er jeweils bis zu 7 Stunden am Tag im Wasser und surft Wellen, deren Grösse und Kraft selbst Mitch Buchannon den Angstschweiss ins lässige Gesicht getrieben hätten. Niemand kann ihm da draussen das Wasser reichen. Percy surft schnell, präzise und beweglich; kraftvoll, mutig und elegant. Für den Laien sieht das nicht viel anders aus als die Jungs in den Videos, Kelly Slater und Mick Fanning und wie sie alle heissen. Aber auch unter Surfern ist klar: Percy hätte das Zeug zum Profi-Surfer. Oder zumindest hätte er es gehabt, jetzt ist er wahrscheinlich zu alt. Einmal habe ich Ryan gefragt, weshalb Percy nicht Pro geworden ist. „He doesn’t like to be judged“, hat er mir geantwortet und dann hat er für eine Weile geschwiegen, bevor er lachend nachschob: „And then of course, there is Maluk and he just fucking loves that place.“


Percy Pom-Pom


Die letzte Brücke vor Maluk ist voll mit Schlaglöchern, ich muss meinen Scooter geschickt durchmanövrieren, um nicht hängenzubleiben. Am Brückengeländer baumelt ein toter Affe. Irgendjemand hat ihn erhängt, mit einem Stück grünen Draht. An seinem rechten Arm hat sich ein Hund festgebissen, der Gestank ist schrecklich.
Maluk ist eine Goldgräberstadt, 40 Fahrtminuten von Jelengah und nur ein Katzensprung von Super Suck entfernt. Die staubige Hauptstrasse ist gesäumt mit lottrigen Marktständen, überfüllten Eisenwarenhandlungen und Schildern aus Blech auf denen Dinge stehen wie „New York Salon“ oder „Salon Isabel“. Vor dem Bankgebäude stehen zwei grosse, schwarze SUVs mit runden, grün-orangenen Logos auf den Beifahrertüren. Die Wagen gehören der Newmont Mining Corporation, einer der grössten Goldminenbetreiberinnen der Welt mit Hauptsitz in Denver, Colorado. Einen Durchmesser von 2.5 Kilometern hat das Loch, dass Newmont im Hinterland von Maluk aus der roten Erde gestanzt hat. Mit Caterpillar-Trucks, so gross, dass ein hochgewachsener Mensch aufrecht unten durchspazieren könnte, schaufeln sie tagtäglich tonnenweise Gestein aus der Mine und durchsuchen es nach Gold und Kupfer. Die Mine kam 1995 und mit der Mine kamen die Jobs und mit den Jobs die Menschen und mit den Menschen auch dasjenige Maluk, das Percy so liebt.
Die Bars am Strand sehen aus wie alte Bunker. Der Beton ist brüchig und die Wände fensterlos. Im Inneren hängen Leinwände auf denen sogenannte „Sexy-Clips“ laufen. Meist sind da junge japanische Frauen zu sehen, die sich auf der Veranda irgendeiner Strandvilla räkeln und die Kamera hält immer voll auf Ärsche und Brüste, so nahe, dass man gar nicht mehr erkennt, um welches Körperteil es sich handelt, es könnten auch Waden und Schultern sein. Im Hintergrund: Ganz übler High-Speed-Techno mit hochgepitchten Asia-Vocals. Von Percy keine Spur und auch ansonsten ist nicht viel los heute. Vielleicht, weil es erst Nachmittag ist, vielleicht aber auch, weil in dem grossen Park ein paar Blocks hinter der Strandpromenade am Abend ein Koran-Reading-Contest stattfindet.
Vor der „Sunset Bar“ wartet Muhammad, ein Junge aus Jelengah. Muhammad war schon oft mit Percy in Maluk unterwegs. Als sein „Security“, wie er sagt. Seine Aufgabe ist aber nicht, Percy vor bösen Menschen zu schützen, sondern die Menschen vor Percy oder noch treffender: Percy vor sich selbst. „Percy Boss Maluk! One night, Percy 5 girls“, erzählt Muhammad und beisst in eine Mango. „Pretty girls?“, frage ich und starre auf die Frucht in seiner Hand. „Tidak (Nein)!!“, ruft er lachend, „many big body“, und dann zeichnet er mit seinen feinen Händen die Silhouette einer dicken Frau in die feuchte Nachmittagsluft. „But big body – Percy no problem. Percy Pom-Pom.“ Ob er denn Percy heute schon gesehen habe, frage ich. Muhammad schüttelt den Kopf. „You know“, sagt er dann, „big body more cheap. Big body only 20 Dollars. Medium body – 30 Dollars, cantik (hübsch) body – 35 Dollars.“


„Imagine, no one wants to fuck you“


Zurück am Strand von Jelengah setze ich mich auf die hölzerne Plattform vor dem Zaun und sehe der Sonne bei ihrem Untergang zu. Gordon hat sich neben mich gesetzt, ein Schotte, der mittlerweile hier lebt und so etwas wie ein Freund von Percy ist. Einmal hat sich Gordon beim Surfen den Kopf auf dem Riff aufgeschlagen. Die Blutung war zu stark, um nach Maluk ins Spital zu fahren, also hat ihm Percy die Haare abrasiert und die offene Wunde mit Sekundenkleber zusammengeleimt. Die Überreste des Klebers, sagt Gordon, seien mit der Zeit einfach rausgewachsen. Ich will mehr wissen über Percy und was er jeweils tut, wenn niemand weiss, wo er ist. „He takes drugs and fucks hookers“, sagt Gordon und blickt unter seiner Baseballmütze hervor.
„What kind of drugs?“
„Ecstasy, Cocaine, Weed, Xanax, Cialis. But mainly Crystal Meth. One time Percy and Ryan went to Jakarta to party“, erzählt er weiter, „Percy didn’t leave the club for 72 hours and when Ryan finally came back to pick him up, Percy punched him in the face because he thought Ryan was hitting on his Chick.“ „And the chick was a hooker?“, hake ich nach. „Most likely yes.“ Ich frage Gordon, ob es noch mehr solche Geschichte gibt und er erzählt mir von dieser einen Nacht, als Percy so high war, dass er zuerst im Rückwärtssalto von der Bar gesprungen ist und später in einem Bordell in Maluk in das Bett einer Prostituierten uriniert hat. Im ganzen Puff wollte nachher niemand mehr mit ihm schlafen. „Imagine“, sagt Gordon lachend, „you’re in an brothel and no one wants to fuck you!“ Ich versuche mir die Situation vorzustellen. Es gelingt mir. Ich bin frustriert. Ich habe zwar gewusst, dass Crystal Meth in Asien auf dem Vormarsch ist. „Yabaa“ nennen sie es in Thailand und angeblich hat es dort Heroin als meistkonsumierte Droge abgelöst. Aber dass man es hier auf Sumbawa kriegt, damit habe ich nicht gerechnet. Meth macht wach, mutig, überheblich und geil. Meth macht aber auch unheimlich abhängig, paranoid und überhaupt: kaputt.
„So why does he take that stuff“, frage ich Gordon.
„Because he wants to. He’s not even insecure, he’s actually quite a nice guy. He just likes it that way.“
Uganda, Gordons Hund, ist einige hundert Meter den Strand runter in einen üblen Hundekampf verwickelt. Gordon hat sich verabschiedet mit den Worten: „I gotta go solve this.“ Ich sitze alleine auf der Plattform und bin verwirrt. Einer der besten Surfer, die ich je gesehen habe ist ein Crystal Meth Jünger? Natürlich, das alterlose Gesicht mit den tiefen Furchen macht plötzlich Sinn, aber dennoch. Irgendwie passt das nicht zusammen. Oder vielleicht passt es eben doch zusammen: Surfer waren mal Punks. Surfer waren Anti, Surfer haben gekifft und am Strand gepennt, jahrelang, auch im Winter, wie Obdachlose. Surfer wollten nichts zu tun haben mit dem Rest der Gesellschaft, sie waren Outlaws, haben nach ihren eigenen Regeln gelebt. Wie Percy. Nicht alle natürlich, aber ein paar und von denen gibt es immer weniger. Ein Blick auf das aktuelle Profisurfen zeigt: Surfen ist ein richtiger Sport geworden. Mit Mentaltrainern, Ernährungsplänen und grossen Firmen, die viel Geld investieren. Die jungen Stars wie Julian Wilson oder Gabriel Medina unterscheiden sich in Punkto Professionalität kaum mehr von Roger Federer oder Simon Amman. Mark Occhilupo, Christian Fletcher, Sunny Garcia, sie alle sind Geschichte und ihre Eskapaden vergessen. Einzig Andy Irons bleibt in Erinnerung, aber Andy ist tot. Am 2. November 2010 fand man ihn in einem Hotelbett in Grapevine, Texas, leblos und alleine, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, die Augen starr. Zuerst wurde als offizielle Todesursache ‚Dengue Fieber’ angegeben, doch schon bald war klar, dass Andy an einem Herzversagen gestorben war, massgeblich hervorgerufen durch den unkontrollierten Gebrauch verschiedenster Drogen, unter anderem Crystal Meth. Andy Irons gewann von 2002 bis 2004 drei Weltmeistertitel hintereinander und war der einzige Surfer, der den legendären Kelly Slater jemals ernsthaft in Bedrängnis bringen konnte. Als er starb, war er 32 Jahre alt und seine Frau Lyndie im siebten Monat schwanger.


Sorry maaan


Es ist Montag, 7 Uhr morgens. Percys Flug nach Australien geht morgen Mittag von Bali aus. Mit dem Motorrad dauert die Reise von hier nach Bali 12 bis 15 Stunden, wenn alles gut geht. Wenn er jetzt nicht kommt, verpasst er endgültig den Flieger. Ich mache mir einen Kaffee. Auf der Küchenablage neben der Kondensmilch liegt eine Katze und schläft. Als ich auf den sandigen Vorplatz heraustrete, sehe ich Percys Motorrad, die Surfbretter fein säuberlich verpackt und in einer Halterung auf der Seite verstaut. Neben dem Scooter liegt sein grüner Rucksack, er ist halb leer. Und Percy? Der sitzt auf dem gelben Holzstuhl am Strand, raucht eine Zigarette, trinkt Orangensaft und blickt aufs Meer. Ich setze mich zum hin.
„How are you?“ frage ich.
„Not that good maaan“, sagt er und lacht.
„What happened?“
„Got to go back to work maaan. Fucking sucks maaan.“
Ich nicke.
„How was Maluk?“
„Pretty good maaan.“
Dann lacht er wieder und zwar so abenteuerlich, dass ich für einen Moment das Gefühl habe, ich hätte etwas verpasst, weil ich nicht dabei war.
„I was looking for you yesterday afternoon, but i couldn’t find you.“
„Sorry maaan.“
„That’s ok.“
„ – .“
„ – .“


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Lower Village Voice, Artikel, Januar 2013, Print


Boss Maluk


Oder die Suche nach dem verlorenen Surfer


Von Adrian Witschi


Ben und Cooper sind bereits losgefahren. Ryan steht immer noch bei dem Mangobaum und zieht an seiner Nelkenzigarette. Unter dem Ping-Pong-Tisch pisst ein Hund in den weissen Sand. „He’s not gonna fucking make it“, sagt Ryan nach einer Weile und schüttelt seinen kantigen Kopf. Dann steigt auch er auf seinen Scooter und verschwindet in dem kleinen Stück Dschungel zwischen Strand und Dorf. Vielleicht hat er Recht, denke ich mir, vielleicht wird es dieses Mal wirklich eng für Percy.


Super Suck


Percy ist 27 Jahre alt. Oder 30, oder 24. So genau weiss das niemand hier. Seine bübischen Wangen sind von tiefen Furchen durchzogen und wenn er lacht, sind seine Zähne gelb und sein Zahnfleisch blass. Oft sitzt er stundenlang auf einem der beiden gelben Holzstühle am Strand, raucht Zigaretten, trinkt Orangensaft und blickt durch seine dunkle Sonnenbrille auf das Meer. Jedes Jahr im Mai, wenn zuhause in Australien der Winter kommt und der Regen die Menschen nachdenklich macht, schnappt sich Percy die wenigen Dollars, die er den Sommer über mit Maurerarbeiten verdient hat und zieht für 6 Monate hierher, nach Jelengah, ein kleines Küstendorf im Südwesten der indonesischen Insel Sumbawa. Hier sitzt er dann und wartet. Manchmal wochenlang, bis die Dünung genug gross und die Winde und Gezeiten richtig sind und „Super Suck“ wieder zum Leben erwacht. Percy ist ein Surfer und Super Suck die Welle, für die er lebt. Sogar auf die Innenseite seines Oberarms hat er sie sich tätowieren lassen, farbig und mit einem hübschen Sonnenuntergang im Hintergrund.
Super Suck ist nicht wie die Wellen, die man vom Strandurlaub kennt. Sie kräuselt sich nicht und sie rollt auch nicht gemächlich den Strand hinunter in Richtung Liegestühle. Super Suck explodiert. Rohe Energie, entstanden in den Roaring Forties und aufgestaut durch eine lange Reise über den tiefen Indik, entlädt sich über einem teils messerscharfen Korallenriff, das nur wenige Zentimeter unter der Wasseroberfläche liegt. Der Wellenkamm springt förmlich nach vorne und trifft erst unterhalb des Wellentals wieder auf die Wasseroberfläche. Was bleibt, ist ein Loch aus Wasser, eine grüner Raum mit fliessenden Wänden, eine Röhre aus Ozean, fast zweihundert Meter lang. „Barrel“ nennen die Surfer diesen Ort und alle wollen sie möglichst viel Zeit dort drin verbringen, alleine mit ihrem Adrenalin und weit weg von Stosszeiten, Kaffeepausen und Quartalszahlen. Percy verbringt verdammt viel Zeit in der Barrel. Wenn Super Suck läuft, ist er jeweils bis zu 7 Stunden am Tag im Wasser und surft Wellen, deren Grösse und Kraft selbst Mitch Buchannon den Angstschweiss ins lässige Gesicht getrieben hätten. Niemand kann ihm da draussen das Wasser reichen. Percy surft schnell, präzise und beweglich; kraftvoll, mutig und elegant. Für den Laien sieht das nicht viel anders aus als die Jungs in den Videos, Kelly Slater und Mick Fanning und wie sie alle heissen. Aber auch unter Surfern ist klar: Percy hätte das Zeug zum Profi-Surfer. Oder zumindest hätte er es gehabt, jetzt ist er wahrscheinlich zu alt. Einmal habe ich Ryan gefragt, weshalb Percy nicht Pro geworden ist. „He doesn’t like to be judged“, hat er mir geantwortet und dann hat er für eine Weile geschwiegen, bevor er lachend nachschob: „And then of course, there is Maluk and he just fucking loves that place.“


Percy Pom-Pom


Die letzte Brücke vor Maluk ist voll mit Schlaglöchern, ich muss meinen Scooter geschickt durchmanövrieren, um nicht hängenzubleiben. Am Brückengeländer baumelt ein toter Affe. Irgendjemand hat ihn erhängt, mit einem Stück grünen Draht. An seinem rechten Arm hat sich ein Hund festgebissen, der Gestank ist schrecklich.
Maluk ist eine Goldgräberstadt, 40 Fahrtminuten von Jelengah und nur ein Katzensprung von Super Suck entfernt. Die staubige Hauptstrasse ist gesäumt mit lottrigen Marktständen, überfüllten Eisenwarenhandlungen und Schildern aus Blech auf denen Dinge stehen wie „New York Salon“ oder „Salon Isabel“. Vor dem Bankgebäude stehen zwei grosse, schwarze SUVs mit runden, grün-orangenen Logos auf den Beifahrertüren. Die Wagen gehören der Newmont Mining Corporation, einer der grössten Goldminenbetreiberinnen der Welt mit Hauptsitz in Denver, Colorado. Einen Durchmesser von 2.5 Kilometern hat das Loch, dass Newmont im Hinterland von Maluk aus der roten Erde gestanzt hat. Mit Caterpillar-Trucks, so gross, dass ein hochgewachsener Mensch aufrecht unten durchspazieren könnte, schaufeln sie tagtäglich tonnenweise Gestein aus der Mine und durchsuchen es nach Gold und Kupfer. Die Mine kam 1995 und mit der Mine kamen die Jobs und mit den Jobs die Menschen und mit den Menschen auch dasjenige Maluk, das Percy so liebt.
Die Bars am Strand sehen aus wie alte Bunker. Der Beton ist brüchig und die Wände fensterlos. Im Inneren hängen Leinwände auf denen sogenannte „Sexy-Clips“ laufen. Meist sind da junge japanische Frauen zu sehen, die sich auf der Veranda irgendeiner Strandvilla räkeln und die Kamera hält immer voll auf Ärsche und Brüste, so nahe, dass man gar nicht mehr erkennt, um welches Körperteil es sich handelt, es könnten auch Waden und Schultern sein. Im Hintergrund: Ganz übler High-Speed-Techno mit hochgepitchten Asia-Vocals. Von Percy keine Spur und auch ansonsten ist nicht viel los heute. Vielleicht, weil es erst Nachmittag ist, vielleicht aber auch, weil in dem grossen Park ein paar Blocks hinter der Strandpromenade am Abend ein Koran-Reading-Contest stattfindet.
Vor der „Sunset Bar“ wartet Muhammad, ein Junge aus Jelengah. Muhammad war schon oft mit Percy in Maluk unterwegs. Als sein „Security“, wie er sagt. Seine Aufgabe ist aber nicht, Percy vor bösen Menschen zu schützen, sondern die Menschen vor Percy oder noch treffender: Percy vor sich selbst. „Percy Boss Maluk! One night, Percy 5 girls“, erzählt Muhammad und beisst in eine Mango. „Pretty girls?“, frage ich und starre auf die Frucht in seiner Hand. „Tidak (Nein)!!“, ruft er lachend, „many big body“, und dann zeichnet er mit seinen feinen Händen die Silhouette einer dicken Frau in die feuchte Nachmittagsluft. „But big body – Percy no problem. Percy Pom-Pom.“ Ob er denn Percy heute schon gesehen habe, frage ich. Muhammad schüttelt den Kopf. „You know“, sagt er dann, „big body more cheap. Big body only 20 Dollars. Medium body – 30 Dollars, cantik (hübsch) body – 35 Dollars.“


„Imagine, no one wants to fuck you“


Zurück am Strand von Jelengah setze ich mich auf die hölzerne Plattform vor dem Zaun und sehe der Sonne bei ihrem Untergang zu. Gordon hat sich neben mich gesetzt, ein Schotte, der mittlerweile hier lebt und so etwas wie ein Freund von Percy ist. Einmal hat sich Gordon beim Surfen den Kopf auf dem Riff aufgeschlagen. Die Blutung war zu stark, um nach Maluk ins Spital zu fahren, also hat ihm Percy die Haare abrasiert und die offene Wunde mit Sekundenkleber zusammengeleimt. Die Überreste des Klebers, sagt Gordon, seien mit der Zeit einfach rausgewachsen. Ich will mehr wissen über Percy und was er jeweils tut, wenn niemand weiss, wo er ist. „He takes drugs and fucks hookers“, sagt Gordon und blickt unter seiner Baseballmütze hervor.
„What kind of drugs?“
„Ecstasy, Cocaine, Weed, Xanax, Cialis. But mainly Crystal Meth. One time Percy and Ryan went to Jakarta to party“, erzählt er weiter, „Percy didn’t leave the club for 72 hours and when Ryan finally came back to pick him up, Percy punched him in the face because he thought Ryan was hitting on his Chick.“ „And the chick was a hooker?“, hake ich nach. „Most likely yes.“ Ich frage Gordon, ob es noch mehr solche Geschichte gibt und er erzählt mir von dieser einen Nacht, als Percy so high war, dass er zuerst im Rückwärtssalto von der Bar gesprungen ist und später in einem Bordell in Maluk in das Bett einer Prostituierten uriniert hat. Im ganzen Puff wollte nachher niemand mehr mit ihm schlafen. „Imagine“, sagt Gordon lachend, „you’re in an brothel and no one wants to fuck you!“ Ich versuche mir die Situation vorzustellen. Es gelingt mir. Ich bin frustriert. Ich habe zwar gewusst, dass Crystal Meth in Asien auf dem Vormarsch ist. „Yabaa“ nennen sie es in Thailand und angeblich hat es dort Heroin als meistkonsumierte Droge abgelöst. Aber dass man es hier auf Sumbawa kriegt, damit habe ich nicht gerechnet. Meth macht wach, mutig, überheblich und geil. Meth macht aber auch unheimlich abhängig, paranoid und überhaupt: kaputt.
„So why does he take that stuff“, frage ich Gordon.
„Because he wants to. He’s not even insecure, he’s actually quite a nice guy. He just likes it that way.“
Uganda, Gordons Hund, ist einige hundert Meter den Strand runter in einen üblen Hundekampf verwickelt. Gordon hat sich verabschiedet mit den Worten: „I gotta go solve this.“ Ich sitze alleine auf der Plattform und bin verwirrt. Einer der besten Surfer, die ich je gesehen habe ist ein Crystal Meth Jünger? Natürlich, das alterlose Gesicht mit den tiefen Furchen macht plötzlich Sinn, aber dennoch. Irgendwie passt das nicht zusammen. Oder vielleicht passt es eben doch zusammen: Surfer waren mal Punks. Surfer waren Anti, Surfer haben gekifft und am Strand gepennt, jahrelang, auch im Winter, wie Obdachlose. Surfer wollten nichts zu tun haben mit dem Rest der Gesellschaft, sie waren Outlaws, haben nach ihren eigenen Regeln gelebt. Wie Percy. Nicht alle natürlich, aber ein paar und von denen gibt es immer weniger. Ein Blick auf das aktuelle Profisurfen zeigt: Surfen ist ein richtiger Sport geworden. Mit Mentaltrainern, Ernährungsplänen und grossen Firmen, die viel Geld investieren. Die jungen Stars wie Julian Wilson oder Gabriel Medina unterscheiden sich in Punkto Professionalität kaum mehr von Roger Federer oder Simon Amman. Mark Occhilupo, Christian Fletcher, Sunny Garcia, sie alle sind Geschichte und ihre Eskapaden vergessen. Einzig Andy Irons bleibt in Erinnerung, aber Andy ist tot. Am 2. November 2010 fand man ihn in einem Hotelbett in Grapevine, Texas, leblos und alleine, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, die Augen starr. Zuerst wurde als offizielle Todesursache ‚Dengue Fieber’ angegeben, doch schon bald war klar, dass Andy an einem Herzversagen gestorben war, massgeblich hervorgerufen durch den unkontrollierten Gebrauch verschiedenster Drogen, unter anderem Crystal Meth. Andy Irons gewann von 2002 bis 2004 drei Weltmeistertitel hintereinander und war der einzige Surfer, der den legendären Kelly Slater jemals ernsthaft in Bedrängnis bringen konnte. Als er starb, war er 32 Jahre alt und seine Frau Lyndie im siebten Monat schwanger.


Sorry maaan


Es ist Montag, 7 Uhr morgens. Percys Flug nach Australien geht morgen Mittag von Bali aus. Mit dem Motorrad dauert die Reise von hier nach Bali 12 bis 15 Stunden, wenn alles gut geht. Wenn er jetzt nicht kommt, verpasst er endgültig den Flieger. Ich mache mir einen Kaffee. Auf der Küchenablage neben der Kondensmilch liegt eine Katze und schläft. Als ich auf den sandigen Vorplatz heraustrete, sehe ich Percys Motorrad, die Surfbretter fein säuberlich verpackt und in einer Halterung auf der Seite verstaut. Neben dem Scooter liegt sein grüner Rucksack, er ist halb leer. Und Percy? Der sitzt auf dem gelben Holzstuhl am Strand, raucht eine Zigarette, trinkt Orangensaft und blickt aufs Meer. Ich setze mich zum hin.
„How are you?“ frage ich.
„Not that good maaan“, sagt er und lacht.
„What happened?“
„Got to go back to work maaan. Fucking sucks maaan.“
Ich nicke.
„How was Maluk?“
„Pretty good maaan.“
Dann lacht er wieder und zwar so abenteuerlich, dass ich für einen Moment das Gefühl habe, ich hätte etwas verpasst, weil ich nicht dabei war.
„I was looking for you yesterday afternoon, but i couldn’t find you.“
„Sorry maaan.“
„That’s ok.“
„ – .“
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