KINKI Magazin, Reportage, Januar/Februar 2011, Print


Schmutz wittern, wo Reinheit herrscht


Entgegen der landläufigen Meinung ist ‹Naturismus› keine Bezeichnung für den neu aufkeimenden Ökosexismus. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des schweizerischen Naturismus auf dem Monte Verità bringt Klarheit über das Treiben der Nackten.


Von Adrian Witschi


Thielle gibt es nicht mehr. Eigentlich hat es Thielle ohnehin immer nur in Kombination mit Wavre gegeben. Thielle-Wavre, das war bis zum Ende des Jahres 2008 eine 680 Bürger umfassende Kleinstgemeinde am Zihlkanal, welcher seinerseits den Neunburger- mit dem Bielersee verbindet. Nun ist die besagte Gemeinde weg. Niemand hat sich für sie interessiert und deshalb kam es zur Fusion mit der nicht ganz so belanglosen Nachbarsgemeinde Marin-Epagnier. Das neue Paar heisst jetzt „La Tène“. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. In einschlägigen Fachzeitschriften lässt man den Namen „Thielle“ mit überbordendem Pathos wieder aufleben. Denn Thielle ist der Kosename für den Campingplatz „Die Neue Zeit“ und steht somit stellvertretend für DIE schweizerische Naturistenoase schlechthin. Sie befindet sich in Gampelen, am bernerischen Ufer des Zihlkanals und somit gegenüber des ehemaligen Thielle.


Die Freude am kultivierten Nacktsein


Was man dort zu Gesicht bekommt, ist schon erstaunlich. Die Illusion, man befände sich am eidgenössischen Swingerfest, dominiert wohl oder übel den ersten Eindruck. Bei genauerer Betrachtung ist man jedoch gezwungen, diese Meinung zu revidieren. Man erkennt eine nette, kleine Gemeinschaft von anders denkenden Menschen mit einer ausgeprägten Vorliebe für die Natur und das Nacktsein. Sie rauchen nicht, entsagen dem Alkohol und ernähren sich vegetarisch. An warmen Sommertagen entledigen sie sich ihrer Kleider – auf dem Gelände herrscht übrigens kein Nacktzwang – und machen Gebrauch von dem vielfältigen kulturellen Angebot.
Kultur ist in Thielle ein weiter Begriff. Kultur, das ist zum Beispiel Roland und seine Selbsthilfegruppe für scheiternde Männer. Da sitzt man dann nackt im Kreis und entblösst seine Seele bis die Tränen fliessen. Oder Gisela, die einem in ihrem Beckenbodenpowerkurs erklärt, wie die einzelnen Muskeln zwischen Steiss- und Schambein zu aktivieren sind. Ihre kulturelle Interessiertheit treibt die Thieller auch zu sportlichen und musikalischen Höchstleistungen an. Nackte Männer schmettern sich im Schatten der strammen Buchen schwitzend Tischtennisbälle und Bocciakugeln um die Ohren, während barbusige Frauen zärtlich die Saiten ihrer Cellokörper streicheln. Und wenn sie dann müde sind, entspannen sie sich auf einem der zahlreichen Flösse auf dem Neuenburgersee, verwöhnen die Haut mit Sonne und Luft und lassen die Genitalien baumeln. Dass es hier um Sex geht, ist ein Irrtum. Spannerei, provokante Laszivität oder anzügliches Verhalten werden mit konsequenter Wegweisung bestraft. Der Beischlaf findet im privaten Raum statt.
Was aber treibt diese Naturisten eigentlich an? Was bringt Menschen dazu, sich in gewissen Yogapositionen gegenseitig in die klaffenden After zu starren? Wieso geht jemand das Risiko ein, beim Buffet anstelle der Tofuwurst den entblössten Penis des Zeltnachbars zu fassen? Fragen, deren Antworten man nur findet, wenn man sich mit dem ideologischen Grundgerüst der Naturisten, ja mit ihrem Ursprung beschäftigt. Und der liegt nur einige hundert Kilometer südöstlich von Thielle, in Ascona.


Fortschritt durch Rückschritt: Willkommen auf dem Monte Verità


Als Henri Oedenkoven, Sohn eines belgischen Grossindustriellen, um 1900 den 3.5 Hektar grossen „Monte Monescia“ oberhalb von Ascona erwarb, war er gesellschaftsmüde, freiheitshungrig und voller Tatendrang. An seiner Seite war ein illusteres Trüppchen halbnackter Männer und Frauen. Unter ihnen auch Ida Hofmann, eine österreichische Pianistin, welche bis anhin an einem russischen Institut in Montenegro Klavierstunden erteilt hatte. Henri und Ida mochten sich. Sie hatten sich ein Jahr zuvor in der Naturheilanstalt von Arnold Rikli in Österreich kennen gelernt. Besagter Arnold Rikli – das muss an dieser Stelle erwähnt werden – war übrigens ein in Wangen an der Aare, unweit von Gampelen geborener Schweizer. Henri war zu dieser Zeit todkrank gewesen, die Schulmedizin hatte ihn aufgegeben gehabt. Ida hatte unter Depressionen gelitten. Beide fanden in der Naturheilanstalt Genesung und fassten die Gesinnung, ihr Leben radikal zu ändern. Sie zogen das Korsett und den Stehkragen aus, warfen sich Tücher um, kauften den Berg – Henri bezahlte – und nannten ihn fortan „Monte Verità“, Berg der Wahrheit. Und diese Wahrheit hiess: Naturismus!
Für Henri und die nach kurzer Zeit entstandene Kolonie von Querdenkern auf dem Monte Verità bedeutete Naturismus die radikale Rückkehr zum naturgemässen, gesunden Leben. Auch sie entsagten dem Alkohol, rauchten nicht und ernährten sich ausschliesslich von Rohkost im veganischen Sinne. Sie begannen das felsige Gelände mit Gemüsegärten und Obstbäumen zu versehen und sicherten somit ihre Autonomie durch Selbstversorgung. Alles „Unnatürliche“ musste weichen. So waren ihnen zum Beispiel auch die vorherrschenden Orthographieregeln zu künstlich. Sie ersetzten sie kurzerhand durch eine Rechtschreibung, welche sich nach dem Paradigma „Schreib, wie du sprichst“ richtete. in den brifen fon ida hoffmann findet man ausschlislich dise schreibart. Glücklich tanzten sie nun über ihren Hügel und spürten sich selber. Doch das Tun der Monte Veritaner war mehr als einfach nur hedonistische Selbstverwirklichung. Es war eine soziale Protestbewegung. Inspiriert durch Schriften Nietzsches und vor allem Tolstois waren sie für eine vehemente Ablehnung aller gesellschaftlicher Normen und Konventionen. Die Erlösung für die Menschheit glaubten sie in der Rückkehr zur Einfachheit und in der Reduktion auf das Wesentliche erkannt zu haben. Nur der Rückschritt würde die Menschen vorwärts bringen. Entschleunigung war die Waffe, welche sie einer Welt entgegenhielten, die sie für entzaubert, verkommen und dem Untergang geweiht hielten. Um diesen Fundamentalismus verstehen zu können, muss man die Welt kennen lernen, welche sie so sehr verachteten.


Verlogenheit und Krankheit zur Jahrhundertwende


Wagen wir also einen kleinen Exkurs:
Das Fin de siècle war eine diffuse Zeit. Der durch die Aufbruchsstimmung geförderte Zerfall der alten Werte führte zu einer Stimmung der Unsicherheit im Bürgertum, welche sich unter anderem in Verlogenheit und Dekadenz niederschlug. Überdies litt die Unterschicht stark unter den Folgen der zunehmenden Urbanisierung. Die Industrialisierung hatte zur Jahrhundertwende zu einer wahren Landflucht und einer Überflutung der Städte geführt. Sowohl Arbeits- als auch Lebensbedingungen verschlechterten sich drastisch. Nach einem 15-stündigen Arbeitstag in der überhitzten Fabrik ging der Durchschnittsarbeiter nach Hause in seine feuchte 20 Quadratmeterkellerloft, welche er sich mit seiner 6-köpfigen Familie teilte, heizte den Ofen ein und genoss bei einem Glas blindmachendem Billigfussel den beissenden Rauch in seinen Lungen. Musste er dann mal auf Toilette, so benutzte er seinen undichten Senkgrubenabort und wartete bis die in den Wänden versickerten Exremente in Form von Ausdünstungen wieder ihren Weg in die gute Stube gefunden hatten. Bald klopfte dann die Bleisucht oder die Tuberkulose an die verlotterte Tür und der Traum von einem besseren Leben war vorbei. „Der Körper des Industriezeitalters war ein geschundener Körper“, räsoniert der Historiker Ulrich Linse treffend. Die Leute empfanden die Art und Weise, wie sie lebten, zunehmend als falsch. Sie sehnten sich nach Licht, Luft und Sonne. Nach Gesundheit, Reinheit und Wahrhaftigkeit. Sie schrien nach einer Reform. Aus diesem Verlangen nach Veränderung entstand die so genannte Lebensreformbewegung, die nach alternativen Lebensentwürfen suchte. Der Naturismus war eine Unterströmung dieser Bewegung.


Hesse in der Rehab


So verwundert es wenig, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Menschen unterschiedlichen Schlages auf dem Monte Verità einfanden. Von Teosophen und Spiritisten über Anarchisten und Künstler bis hin zu Schriftstellern und Faulenzern. Die Liste der prominenten Namen liest sich wie das Who is Who der freidenkerischen Avantgarde. Hans Arp, Paul Klee, Lenin, Bakunin, Erich Mühsam, C.G. Jung und viele andere mehr. Auch Hermann Hesse besuchte den Berg. Er unterzog sich einer Alkoholentziehungskur. Um vom flüssigen Gift wegzukommen, liess er sich nackt halstief in die heilbringende Erde eingraben. Andere gingen noch weiter. Da gab es zum Beispiel diesen einen Unbekannten, welcher der festen Überzeugung war, dass jedwede Nahrung, welche in Bodennähe gedeihe, nicht heilig genug und somit des Verzehrs nicht würdig sei. Folgerichtig ernährte er sich ausschliesslich von Kokosnüssen.


Nacktsein ist gesund, nicht sexy!


Henri sah das Ganze etwas pragmatischer. Als idealistisches Oberhaupt der Bewegung lag ihm vor allem der erlöserische Aspekt des Naturismus am Herzen. Er wollte nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitmenschen heilen. Und so kam es, dass im Jahre 1902 das „Sanatorium Monte Verità“ seine Pforten als vegetabilische Kuranstalt öffnete. Das Kernstück des Kurangebots bildeten die so genannten „Lichtluftbäder“. Männliche und weibliche Gäste konnten sich dort getrennt voneinander nackt in die wärmende Sonne legen und ihre Haut der uneingeschränkten Zufuhr gesundheitsbringender Luft aussetzen. Eine Analyse dieser Praxis gibt Aufschluss über das Verhältnis der Monte Veritaner zu ihrer Nacktheit. Nackt war man auf dem Monte Verità vor allem aus hygienischen Gründen. Dies mag paradox klingen, ist aber erklärbar. Der Körper, so Ida Hoffmann, befände sich ständig in einem selbstreinigenden Zustand. Über die Poren der Haut sondere er stetig organische Abfälle in Form von Gasen und Schweiss ab. Zwinge man den Körper in enge Kleider, so könnten diese Abfallprodukte nicht beseitigt werden. Die Luft funktioniert nach dieser Auffassung gewissermassen als Kehrichtwagen und gewährleistet die Reinigung und somit die Reinheit des Körpers. Nacktheit und Gesundheit bildeten ein unzertrennliches Begriffspaar. Die Beziehung zwischen Sexualität und Nacktheit wurde hingegen vehement geleugnet. Der nackte Körper an sich rufe keine lüsternen Gedanken hervor, diese würden erst durch die bewusste Betonung erotischer Körperstellen mit Hilfe von Kleidung geweckt, meinte Hoffmann. Die Reformkleider, welche die Gäste zum gemeinsamen Essen oder zu kulturellen Veranstaltungen trugen, waren auch dementsprechend untendenziös. Betont taillenlose, sackartige Gewänder aus porösen Stoffen, welche dem griechischen Chiton der Antike ähnlich waren und heutzutage nur allzu perfekt in einen Edward Sharpe Videoclip passen würden. Die Tatsache, dass der sexuelle Aspekt nackter Haut dermassen intensiv verdrängt wurde, wirkt etwas suspekt und wirft eine Problemstellung auf, mit welcher der Naturismus bis heute zu kämpfen hat: Kann man Nacktheit tatsächlich vollumfänglich von der Erotik lösen? Wenn ja, wieso waren die Lichtluftbäder nicht gemischtgeschlechtlich?
Für die stark katholische Tessiner Bevölkerung stand der erotische Aspekt der „nackten, langhaarigen Narren“ jedenfalls im Vordergrund. Sie waren voll der Empörung, aber auch der Neugier. In Scharen wanderten sie den Hügel hoch um einen Blick auf die Nackten zu erhaschen. Maria Adler, eine ehemalige Freundin Henris, welche sich nach einem Streit von der Kolonie abgespaltet hatte, errichtete am Fusse des Berges kurzerhand zwei Türme von denen aus man für ein Entgelt die entblössten Körper der Monte Veritaner in den durch Bretterwänden nach aussen abgeschlossenen Lichtluftbäder begutachten konnte. Es entstand ein regelrechter Spannertourismus.


Tragischer Selbstmord


Die Kosten für die Errichtung des Sanatoriums waren höher ausgefallen, als zu Beginn von Henri vermutet. Er geriet in eine finanzielle Notlage und begann daher selber mit den Schaulustigen Geld zu machen. Für stolze 2 Franken wurde jedem der Zutritt auf das Sanatoriumsgelände und die uneingeschränkte Observation der Naturisten gestattet. Auch die Nacktheit wurde nun monetär ausgeschlachtet. Als Inszenierung auf Postkarten fand sie reissenden Absatz. Man ahnt es bereits jetzt: dies war der Anfang vom Ende. Henri versuchte seine Kolonie zu retten, indem er sie in diejenigen kapitalistischen Strukturen eingliederte, deren Abschaffung die ursprüngliche Forderung der Monte Veritaner war. Um den finanziellen Untergang des Sanatoriums zu verhindern, ging er immer mehr Kompromisse ein. 1910 verpachtete er den ganzen Betrieb an Walther Müller, einen ehemaligen Kurgast, welcher die Speisekarte um tierische Produkte erweiterte und überdies Kaffe, Wein und Tabakwaren anbot. Es kamen noch weniger Gäste. Die Anziehungskraft des Monte Verità beruhte stark auf dem Mythos des „edlen Wilden“ nach rousseauschem Modell. Und dieser edle Wilde hat keine besondere Vorliebe für schicke Hotels. Als betriebswirtschaftliches Unterfangen war das Sanatorium von Beginn weg zum Scheitern verurteilt. Doch Henri und Ida glaubten weiterhin an ihren Traum vom gemeinsamen Wild-Sein. 1917 begannen sie damit, das gesamte Inventar des Sanatoriums zu liquidieren und zogen 1920 nach Spanien weiter. Dort gründeten sie wieder eine Kolonie, aber auch diese scheiterte. Sie siedelten über nach Brasilien, wo sich ihre Spur allmählich verliert.


Geistiges Erbe


7 Jahre nach Henri und Idas Verschwinden gründet der Schweizer Verleger Eduard Fankhauser die naturistische Vereinung „Schweizer Lichtbund“, welche heute „Organisation der Naturisten Schweiz (ONS)“ heisst und mit 4200 Mitgliedern den grössten offiziellen Naturistenzusammenschluss der Schweiz bildet. Nur ein Jahr später beginnt „Edi“ die Zeitschrift „Die Neue Zeit“ zu publizieren. 1937 kauft er sich ein malerisches Stück Land am Zihlkanal und beginnt damit, eine Oase für Naturisten aufzubauen. Heute ist diese Oase ein Campingplatz und heisst – wie bereits oben erwähnt – „Die Neue Zeit“. Thielle steht also in unmittelbarer Tradition zu der Naturistenbewegung auf dem Monte Verità. Ein Blick in die Stiftungsurkunde der 1961 gegründeten Stiftung Die Neue Zeit untermauert dies: „Die Stiftung bezweckt die Schaffung und Erhaltung geeigneter Voraussetzungen für eine gesunde Freizeitgestaltung im Sinne der Lebensreformer.“
Als im Jahre 2004 Gerüchte über Spannerei, öffentlichen Geschlechtsverkehr und sexuelle Nötigung auf dem Gelände kursieren, gründen einige idealistische Naturisten das „Netzwerk Renaissance Thielle“ und kämpfen erfolgreich für ein Thielle im Sinne der „echten“ Naturisten. Kennt man ihre Geschichte, so verändert sich unweigerlich das Bild der Thieller. Die Menschen hier sind nicht einfach willkürliche Nackte, die sich gegenseitig aufgeilen wollen, sondern anders denkende Naturromantiker mit einer alternativen Vorstellung von Leben. Ihr Ruf nach Entschleunigug trifft in unserer von Digitalisierung und Globalisierung dominierten postmodernen Konsumkultur durchaus den oppositionellen Zeitgeist und scheint daher heute mindestens so aktuell zu sein wie zu Henris Zeiten.


Literatur zum Thema:
Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Huber Verlag.
Michael Andritzky/Thomas Rautenberg (Hgg.): Wir sind nackt und nennen uns Du. Eine Geschichte der Freikörperkultur. Anabas Verlag.


Bilder 1, 4, 8, 9: Huber Verlag (Orell Füssli)
Bilder 2, 3, 5-7: Anabas Verlag


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Schmutz wittern, wo Reinheit herrscht


Entgegen der landläufigen Meinung ist ‹Naturismus› keine Bezeichnung für den neu aufkeimenden Ökosexismus. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des schweizerischen Naturismus auf dem Monte Verità bringt Klarheit über das Treiben der Nackten.


Von Adrian Witschi


Thielle gibt es nicht mehr. Eigentlich hat es Thielle ohnehin immer nur in Kombination mit Wavre gegeben. Thielle-Wavre, das war bis zum Ende des Jahres 2008 eine 680 Bürger umfassende Kleinstgemeinde am Zihlkanal, welcher seinerseits den Neunburger- mit dem Bielersee verbindet. Nun ist die besagte Gemeinde weg. Niemand hat sich für sie interessiert und deshalb kam es zur Fusion mit der nicht ganz so belanglosen Nachbarsgemeinde Marin-Epagnier. Das neue Paar heisst jetzt „La Tène“. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. In einschlägigen Fachzeitschriften lässt man den Namen „Thielle“ mit überbordendem Pathos wieder aufleben. Denn Thielle ist der Kosename für den Campingplatz „Die Neue Zeit“ und steht somit stellvertretend für DIE schweizerische Naturistenoase schlechthin. Sie befindet sich in Gampelen, am bernerischen Ufer des Zihlkanals und somit gegenüber des ehemaligen Thielle.


Die Freude am kultivierten Nacktsein


Was man dort zu Gesicht bekommt, ist schon erstaunlich. Die Illusion, man befände sich am eidgenössischen Swingerfest, dominiert wohl oder übel den ersten Eindruck. Bei genauerer Betrachtung ist man jedoch gezwungen, diese Meinung zu revidieren. Man erkennt eine nette, kleine Gemeinschaft von anders denkenden Menschen mit einer ausgeprägten Vorliebe für die Natur und das Nacktsein. Sie rauchen nicht, entsagen dem Alkohol und ernähren sich vegetarisch. An warmen Sommertagen entledigen sie sich ihrer Kleider – auf dem Gelände herrscht übrigens kein Nacktzwang – und machen Gebrauch von dem vielfältigen kulturellen Angebot.
Kultur ist in Thielle ein weiter Begriff. Kultur, das ist zum Beispiel Roland und seine Selbsthilfegruppe für scheiternde Männer. Da sitzt man dann nackt im Kreis und entblösst seine Seele bis die Tränen fliessen. Oder Gisela, die einem in ihrem Beckenbodenpowerkurs erklärt, wie die einzelnen Muskeln zwischen Steiss- und Schambein zu aktivieren sind. Ihre kulturelle Interessiertheit treibt die Thieller auch zu sportlichen und musikalischen Höchstleistungen an. Nackte Männer schmettern sich im Schatten der strammen Buchen schwitzend Tischtennisbälle und Bocciakugeln um die Ohren, während barbusige Frauen zärtlich die Saiten ihrer Cellokörper streicheln. Und wenn sie dann müde sind, entspannen sie sich auf einem der zahlreichen Flösse auf dem Neuenburgersee, verwöhnen die Haut mit Sonne und Luft und lassen die Genitalien baumeln. Dass es hier um Sex geht, ist ein Irrtum. Spannerei, provokante Laszivität oder anzügliches Verhalten werden mit konsequenter Wegweisung bestraft. Der Beischlaf findet im privaten Raum statt.
Was aber treibt diese Naturisten eigentlich an? Was bringt Menschen dazu, sich in gewissen Yogapositionen gegenseitig in die klaffenden After zu starren? Wieso geht jemand das Risiko ein, beim Buffet anstelle der Tofuwurst den entblössten Penis des Zeltnachbars zu fassen? Fragen, deren Antworten man nur findet, wenn man sich mit dem ideologischen Grundgerüst der Naturisten, ja mit ihrem Ursprung beschäftigt. Und der liegt nur einige hundert Kilometer südöstlich von Thielle, in Ascona.


Fortschritt durch Rückschritt: Willkommen auf dem Monte Verità


Als Henri Oedenkoven, Sohn eines belgischen Grossindustriellen, um 1900 den 3.5 Hektar grossen „Monte Monescia“ oberhalb von Ascona erwarb, war er gesellschaftsmüde, freiheitshungrig und voller Tatendrang. An seiner Seite war ein illusteres Trüppchen halbnackter Männer und Frauen. Unter ihnen auch Ida Hofmann, eine österreichische Pianistin, welche bis anhin an einem russischen Institut in Montenegro Klavierstunden erteilt hatte. Henri und Ida mochten sich. Sie hatten sich ein Jahr zuvor in der Naturheilanstalt von Arnold Rikli in Österreich kennen gelernt. Besagter Arnold Rikli – das muss an dieser Stelle erwähnt werden – war übrigens ein in Wangen an der Aare, unweit von Gampelen geborener Schweizer. Henri war zu dieser Zeit todkrank gewesen, die Schulmedizin hatte ihn aufgegeben gehabt. Ida hatte unter Depressionen gelitten. Beide fanden in der Naturheilanstalt Genesung und fassten die Gesinnung, ihr Leben radikal zu ändern. Sie zogen das Korsett und den Stehkragen aus, warfen sich Tücher um, kauften den Berg – Henri bezahlte – und nannten ihn fortan „Monte Verità“, Berg der Wahrheit. Und diese Wahrheit hiess: Naturismus!
Für Henri und die nach kurzer Zeit entstandene Kolonie von Querdenkern auf dem Monte Verità bedeutete Naturismus die radikale Rückkehr zum naturgemässen, gesunden Leben. Auch sie entsagten dem Alkohol, rauchten nicht und ernährten sich ausschliesslich von Rohkost im veganischen Sinne. Sie begannen das felsige Gelände mit Gemüsegärten und Obstbäumen zu versehen und sicherten somit ihre Autonomie durch Selbstversorgung. Alles „Unnatürliche“ musste weichen. So waren ihnen zum Beispiel auch die vorherrschenden Orthographieregeln zu künstlich. Sie ersetzten sie kurzerhand durch eine Rechtschreibung, welche sich nach dem Paradigma „Schreib, wie du sprichst“ richtete. in den brifen fon ida hoffmann findet man ausschlislich dise schreibart. Glücklich tanzten sie nun über ihren Hügel und spürten sich selber. Doch das Tun der Monte Veritaner war mehr als einfach nur hedonistische Selbstverwirklichung. Es war eine soziale Protestbewegung. Inspiriert durch Schriften Nietzsches und vor allem Tolstois waren sie für eine vehemente Ablehnung aller gesellschaftlicher Normen und Konventionen. Die Erlösung für die Menschheit glaubten sie in der Rückkehr zur Einfachheit und in der Reduktion auf das Wesentliche erkannt zu haben. Nur der Rückschritt würde die Menschen vorwärts bringen. Entschleunigung war die Waffe, welche sie einer Welt entgegenhielten, die sie für entzaubert, verkommen und dem Untergang geweiht hielten. Um diesen Fundamentalismus verstehen zu können, muss man die Welt kennen lernen, welche sie so sehr verachteten.


Verlogenheit und Krankheit zur Jahrhundertwende


Wagen wir also einen kleinen Exkurs:
Das Fin de siècle war eine diffuse Zeit. Der durch die Aufbruchsstimmung geförderte Zerfall der alten Werte führte zu einer Stimmung der Unsicherheit im Bürgertum, welche sich unter anderem in Verlogenheit und Dekadenz niederschlug. Überdies litt die Unterschicht stark unter den Folgen der zunehmenden Urbanisierung. Die Industrialisierung hatte zur Jahrhundertwende zu einer wahren Landflucht und einer Überflutung der Städte geführt. Sowohl Arbeits- als auch Lebensbedingungen verschlechterten sich drastisch. Nach einem 15-stündigen Arbeitstag in der überhitzten Fabrik ging der Durchschnittsarbeiter nach Hause in seine feuchte 20 Quadratmeterkellerloft, welche er sich mit seiner 6-köpfigen Familie teilte, heizte den Ofen ein und genoss bei einem Glas blindmachendem Billigfussel den beissenden Rauch in seinen Lungen. Musste er dann mal auf Toilette, so benutzte er seinen undichten Senkgrubenabort und wartete bis die in den Wänden versickerten Exremente in Form von Ausdünstungen wieder ihren Weg in die gute Stube gefunden hatten. Bald klopfte dann die Bleisucht oder die Tuberkulose an die verlotterte Tür und der Traum von einem besseren Leben war vorbei. „Der Körper des Industriezeitalters war ein geschundener Körper“, räsoniert der Historiker Ulrich Linse treffend. Die Leute empfanden die Art und Weise, wie sie lebten, zunehmend als falsch. Sie sehnten sich nach Licht, Luft und Sonne. Nach Gesundheit, Reinheit und Wahrhaftigkeit. Sie schrien nach einer Reform. Aus diesem Verlangen nach Veränderung entstand die so genannte Lebensreformbewegung, die nach alternativen Lebensentwürfen suchte. Der Naturismus war eine Unterströmung dieser Bewegung.


Hesse in der Rehab


So verwundert es wenig, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Menschen unterschiedlichen Schlages auf dem Monte Verità einfanden. Von Teosophen und Spiritisten über Anarchisten und Künstler bis hin zu Schriftstellern und Faulenzern. Die Liste der prominenten Namen liest sich wie das Who is Who der freidenkerischen Avantgarde. Hans Arp, Paul Klee, Lenin, Bakunin, Erich Mühsam, C.G. Jung und viele andere mehr. Auch Hermann Hesse besuchte den Berg. Er unterzog sich einer Alkoholentziehungskur. Um vom flüssigen Gift wegzukommen, liess er sich nackt halstief in die heilbringende Erde eingraben. Andere gingen noch weiter. Da gab es zum Beispiel diesen einen Unbekannten, welcher der festen Überzeugung war, dass jedwede Nahrung, welche in Bodennähe gedeihe, nicht heilig genug und somit des Verzehrs nicht würdig sei. Folgerichtig ernährte er sich ausschliesslich von Kokosnüssen.


Nacktsein ist gesund, nicht sexy!


Henri sah das Ganze etwas pragmatischer. Als idealistisches Oberhaupt der Bewegung lag ihm vor allem der erlöserische Aspekt des Naturismus am Herzen. Er wollte nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitmenschen heilen. Und so kam es, dass im Jahre 1902 das „Sanatorium Monte Verità“ seine Pforten als vegetabilische Kuranstalt öffnete. Das Kernstück des Kurangebots bildeten die so genannten „Lichtluftbäder“. Männliche und weibliche Gäste konnten sich dort getrennt voneinander nackt in die wärmende Sonne legen und ihre Haut der uneingeschränkten Zufuhr gesundheitsbringender Luft aussetzen. Eine Analyse dieser Praxis gibt Aufschluss über das Verhältnis der Monte Veritaner zu ihrer Nacktheit. Nackt war man auf dem Monte Verità vor allem aus hygienischen Gründen. Dies mag paradox klingen, ist aber erklärbar. Der Körper, so Ida Hoffmann, befände sich ständig in einem selbstreinigenden Zustand. Über die Poren der Haut sondere er stetig organische Abfälle in Form von Gasen und Schweiss ab. Zwinge man den Körper in enge Kleider, so könnten diese Abfallprodukte nicht beseitigt werden. Die Luft funktioniert nach dieser Auffassung gewissermassen als Kehrichtwagen und gewährleistet die Reinigung und somit die Reinheit des Körpers. Nacktheit und Gesundheit bildeten ein unzertrennliches Begriffspaar. Die Beziehung zwischen Sexualität und Nacktheit wurde hingegen vehement geleugnet. Der nackte Körper an sich rufe keine lüsternen Gedanken hervor, diese würden erst durch die bewusste Betonung erotischer Körperstellen mit Hilfe von Kleidung geweckt, meinte Hoffmann. Die Reformkleider, welche die Gäste zum gemeinsamen Essen oder zu kulturellen Veranstaltungen trugen, waren auch dementsprechend untendenziös. Betont taillenlose, sackartige Gewänder aus porösen Stoffen, welche dem griechischen Chiton der Antike ähnlich waren und heutzutage nur allzu perfekt in einen Edward Sharpe Videoclip passen würden. Die Tatsache, dass der sexuelle Aspekt nackter Haut dermassen intensiv verdrängt wurde, wirkt etwas suspekt und wirft eine Problemstellung auf, mit welcher der Naturismus bis heute zu kämpfen hat: Kann man Nacktheit tatsächlich vollumfänglich von der Erotik lösen? Wenn ja, wieso waren die Lichtluftbäder nicht gemischtgeschlechtlich?
Für die stark katholische Tessiner Bevölkerung stand der erotische Aspekt der „nackten, langhaarigen Narren“ jedenfalls im Vordergrund. Sie waren voll der Empörung, aber auch der Neugier. In Scharen wanderten sie den Hügel hoch um einen Blick auf die Nackten zu erhaschen. Maria Adler, eine ehemalige Freundin Henris, welche sich nach einem Streit von der Kolonie abgespaltet hatte, errichtete am Fusse des Berges kurzerhand zwei Türme von denen aus man für ein Entgelt die entblössten Körper der Monte Veritaner in den durch Bretterwänden nach aussen abgeschlossenen Lichtluftbäder begutachten konnte. Es entstand ein regelrechter Spannertourismus.


Tragischer Selbstmord


Die Kosten für die Errichtung des Sanatoriums waren höher ausgefallen, als zu Beginn von Henri vermutet. Er geriet in eine finanzielle Notlage und begann daher selber mit den Schaulustigen Geld zu machen. Für stolze 2 Franken wurde jedem der Zutritt auf das Sanatoriumsgelände und die uneingeschränkte Observation der Naturisten gestattet. Auch die Nacktheit wurde nun monetär ausgeschlachtet. Als Inszenierung auf Postkarten fand sie reissenden Absatz. Man ahnt es bereits jetzt: dies war der Anfang vom Ende. Henri versuchte seine Kolonie zu retten, indem er sie in diejenigen kapitalistischen Strukturen eingliederte, deren Abschaffung die ursprüngliche Forderung der Monte Veritaner war. Um den finanziellen Untergang des Sanatoriums zu verhindern, ging er immer mehr Kompromisse ein. 1910 verpachtete er den ganzen Betrieb an Walther Müller, einen ehemaligen Kurgast, welcher die Speisekarte um tierische Produkte erweiterte und überdies Kaffe, Wein und Tabakwaren anbot. Es kamen noch weniger Gäste. Die Anziehungskraft des Monte Verità beruhte stark auf dem Mythos des „edlen Wilden“ nach rousseauschem Modell. Und dieser edle Wilde hat keine besondere Vorliebe für schicke Hotels. Als betriebswirtschaftliches Unterfangen war das Sanatorium von Beginn weg zum Scheitern verurteilt. Doch Henri und Ida glaubten weiterhin an ihren Traum vom gemeinsamen Wild-Sein. 1917 begannen sie damit, das gesamte Inventar des Sanatoriums zu liquidieren und zogen 1920 nach Spanien weiter. Dort gründeten sie wieder eine Kolonie, aber auch diese scheiterte. Sie siedelten über nach Brasilien, wo sich ihre Spur allmählich verliert.


Geistiges Erbe


7 Jahre nach Henri und Idas Verschwinden gründet der Schweizer Verleger Eduard Fankhauser die naturistische Vereinung „Schweizer Lichtbund“, welche heute „Organisation der Naturisten Schweiz (ONS)“ heisst und mit 4200 Mitgliedern den grössten offiziellen Naturistenzusammenschluss der Schweiz bildet. Nur ein Jahr später beginnt „Edi“ die Zeitschrift „Die Neue Zeit“ zu publizieren. 1937 kauft er sich ein malerisches Stück Land am Zihlkanal und beginnt damit, eine Oase für Naturisten aufzubauen. Heute ist diese Oase ein Campingplatz und heisst – wie bereits oben erwähnt – „Die Neue Zeit“. Thielle steht also in unmittelbarer Tradition zu der Naturistenbewegung auf dem Monte Verità. Ein Blick in die Stiftungsurkunde der 1961 gegründeten Stiftung Die Neue Zeit untermauert dies: „Die Stiftung bezweckt die Schaffung und Erhaltung geeigneter Voraussetzungen für eine gesunde Freizeitgestaltung im Sinne der Lebensreformer.“
Als im Jahre 2004 Gerüchte über Spannerei, öffentlichen Geschlechtsverkehr und sexuelle Nötigung auf dem Gelände kursieren, gründen einige idealistische Naturisten das „Netzwerk Renaissance Thielle“ und kämpfen erfolgreich für ein Thielle im Sinne der „echten“ Naturisten. Kennt man ihre Geschichte, so verändert sich unweigerlich das Bild der Thieller. Die Menschen hier sind nicht einfach willkürliche Nackte, die sich gegenseitig aufgeilen wollen, sondern anders denkende Naturromantiker mit einer alternativen Vorstellung von Leben. Ihr Ruf nach Entschleunigug trifft in unserer von Digitalisierung und Globalisierung dominierten postmodernen Konsumkultur durchaus den oppositionellen Zeitgeist und scheint daher heute mindestens so aktuell zu sein wie zu Henris Zeiten.


Literatur zum Thema:
Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Huber Verlag.
Michael Andritzky/Thomas Rautenberg (Hgg.): Wir sind nackt und nennen uns Du. Eine Geschichte der Freikörperkultur. Anabas Verlag.


Bilder 1, 4, 8, 9: Huber Verlag (Orell Füssli)
Bilder 2, 3, 5-7: Anabas Verlag


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Schmutz wittern, wo Reinheit herrscht


Entgegen der landläufigen Meinung ist ‹Naturismus› keine Bezeichnung für den neu aufkeimenden Ökosexismus. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des schweizerischen Naturismus auf dem Monte Verità bringt Klarheit über das Treiben der Nackten.


Von Adrian Witschi


Thielle gibt es nicht mehr. Eigentlich hat es Thielle ohnehin immer nur in Kombination mit Wavre gegeben. Thielle-Wavre, das war bis zum Ende des Jahres 2008 eine 680 Bürger umfassende Kleinstgemeinde am Zihlkanal, welcher seinerseits den Neunburger- mit dem Bielersee verbindet. Nun ist die besagte Gemeinde weg. Niemand hat sich für sie interessiert und deshalb kam es zur Fusion mit der nicht ganz so belanglosen Nachbarsgemeinde Marin-Epagnier. Das neue Paar heisst jetzt „La Tène“. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. In einschlägigen Fachzeitschriften lässt man den Namen „Thielle“ mit überbordendem Pathos wieder aufleben. Denn Thielle ist der Kosename für den Campingplatz „Die Neue Zeit“ und steht somit stellvertretend für DIE schweizerische Naturistenoase schlechthin. Sie befindet sich in Gampelen, am bernerischen Ufer des Zihlkanals und somit gegenüber des ehemaligen Thielle.


Die Freude am kultivierten Nacktsein


Was man dort zu Gesicht bekommt, ist schon erstaunlich. Die Illusion, man befände sich am eidgenössischen Swingerfest, dominiert wohl oder übel den ersten Eindruck. Bei genauerer Betrachtung ist man jedoch gezwungen, diese Meinung zu revidieren. Man erkennt eine nette, kleine Gemeinschaft von anders denkenden Menschen mit einer ausgeprägten Vorliebe für die Natur und das Nacktsein. Sie rauchen nicht, entsagen dem Alkohol und ernähren sich vegetarisch. An warmen Sommertagen entledigen sie sich ihrer Kleider – auf dem Gelände herrscht übrigens kein Nacktzwang – und machen Gebrauch von dem vielfältigen kulturellen Angebot.
Kultur ist in Thielle ein weiter Begriff. Kultur, das ist zum Beispiel Roland und seine Selbsthilfegruppe für scheiternde Männer. Da sitzt man dann nackt im Kreis und entblösst seine Seele bis die Tränen fliessen. Oder Gisela, die einem in ihrem Beckenbodenpowerkurs erklärt, wie die einzelnen Muskeln zwischen Steiss- und Schambein zu aktivieren sind. Ihre kulturelle Interessiertheit treibt die Thieller auch zu sportlichen und musikalischen Höchstleistungen an. Nackte Männer schmettern sich im Schatten der strammen Buchen schwitzend Tischtennisbälle und Bocciakugeln um die Ohren, während barbusige Frauen zärtlich die Saiten ihrer Cellokörper streicheln. Und wenn sie dann müde sind, entspannen sie sich auf einem der zahlreichen Flösse auf dem Neuenburgersee, verwöhnen die Haut mit Sonne und Luft und lassen die Genitalien baumeln. Dass es hier um Sex geht, ist ein Irrtum. Spannerei, provokante Laszivität oder anzügliches Verhalten werden mit konsequenter Wegweisung bestraft. Der Beischlaf findet im privaten Raum statt.
Was aber treibt diese Naturisten eigentlich an? Was bringt Menschen dazu, sich in gewissen Yogapositionen gegenseitig in die klaffenden After zu starren? Wieso geht jemand das Risiko ein, beim Buffet anstelle der Tofuwurst den entblössten Penis des Zeltnachbars zu fassen? Fragen, deren Antworten man nur findet, wenn man sich mit dem ideologischen Grundgerüst der Naturisten, ja mit ihrem Ursprung beschäftigt. Und der liegt nur einige hundert Kilometer südöstlich von Thielle, in Ascona.


Fortschritt durch Rückschritt: Willkommen auf dem Monte Verità


Als Henri Oedenkoven, Sohn eines belgischen Grossindustriellen, um 1900 den 3.5 Hektar grossen „Monte Monescia“ oberhalb von Ascona erwarb, war er gesellschaftsmüde, freiheitshungrig und voller Tatendrang. An seiner Seite war ein illusteres Trüppchen halbnackter Männer und Frauen. Unter ihnen auch Ida Hofmann, eine österreichische Pianistin, welche bis anhin an einem russischen Institut in Montenegro Klavierstunden erteilt hatte. Henri und Ida mochten sich. Sie hatten sich ein Jahr zuvor in der Naturheilanstalt von Arnold Rikli in Österreich kennen gelernt. Besagter Arnold Rikli – das muss an dieser Stelle erwähnt werden – war übrigens ein in Wangen an der Aare, unweit von Gampelen geborener Schweizer. Henri war zu dieser Zeit todkrank gewesen, die Schulmedizin hatte ihn aufgegeben gehabt. Ida hatte unter Depressionen gelitten. Beide fanden in der Naturheilanstalt Genesung und fassten die Gesinnung, ihr Leben radikal zu ändern. Sie zogen das Korsett und den Stehkragen aus, warfen sich Tücher um, kauften den Berg – Henri bezahlte – und nannten ihn fortan „Monte Verità“, Berg der Wahrheit. Und diese Wahrheit hiess: Naturismus!
Für Henri und die nach kurzer Zeit entstandene Kolonie von Querdenkern auf dem Monte Verità bedeutete Naturismus die radikale Rückkehr zum naturgemässen, gesunden Leben. Auch sie entsagten dem Alkohol, rauchten nicht und ernährten sich ausschliesslich von Rohkost im veganischen Sinne. Sie begannen das felsige Gelände mit Gemüsegärten und Obstbäumen zu versehen und sicherten somit ihre Autonomie durch Selbstversorgung. Alles „Unnatürliche“ musste weichen. So waren ihnen zum Beispiel auch die vorherrschenden Orthographieregeln zu künstlich. Sie ersetzten sie kurzerhand durch eine Rechtschreibung, welche sich nach dem Paradigma „Schreib, wie du sprichst“ richtete. in den brifen fon ida hoffmann findet man ausschlislich dise schreibart. Glücklich tanzten sie nun über ihren Hügel und spürten sich selber. Doch das Tun der Monte Veritaner war mehr als einfach nur hedonistische Selbstverwirklichung. Es war eine soziale Protestbewegung. Inspiriert durch Schriften Nietzsches und vor allem Tolstois waren sie für eine vehemente Ablehnung aller gesellschaftlicher Normen und Konventionen. Die Erlösung für die Menschheit glaubten sie in der Rückkehr zur Einfachheit und in der Reduktion auf das Wesentliche erkannt zu haben. Nur der Rückschritt würde die Menschen vorwärts bringen. Entschleunigung war die Waffe, welche sie einer Welt entgegenhielten, die sie für entzaubert, verkommen und dem Untergang geweiht hielten. Um diesen Fundamentalismus verstehen zu können, muss man die Welt kennen lernen, welche sie so sehr verachteten.


Verlogenheit und Krankheit zur Jahrhundertwende


Wagen wir also einen kleinen Exkurs:
Das Fin de siècle war eine diffuse Zeit. Der durch die Aufbruchsstimmung geförderte Zerfall der alten Werte führte zu einer Stimmung der Unsicherheit im Bürgertum, welche sich unter anderem in Verlogenheit und Dekadenz niederschlug. Überdies litt die Unterschicht stark unter den Folgen der zunehmenden Urbanisierung. Die Industrialisierung hatte zur Jahrhundertwende zu einer wahren Landflucht und einer Überflutung der Städte geführt. Sowohl Arbeits- als auch Lebensbedingungen verschlechterten sich drastisch. Nach einem 15-stündigen Arbeitstag in der überhitzten Fabrik ging der Durchschnittsarbeiter nach Hause in seine feuchte 20 Quadratmeterkellerloft, welche er sich mit seiner 6-köpfigen Familie teilte, heizte den Ofen ein und genoss bei einem Glas blindmachendem Billigfussel den beissenden Rauch in seinen Lungen. Musste er dann mal auf Toilette, so benutzte er seinen undichten Senkgrubenabort und wartete bis die in den Wänden versickerten Exremente in Form von Ausdünstungen wieder ihren Weg in die gute Stube gefunden hatten. Bald klopfte dann die Bleisucht oder die Tuberkulose an die verlotterte Tür und der Traum von einem besseren Leben war vorbei. „Der Körper des Industriezeitalters war ein geschundener Körper“, räsoniert der Historiker Ulrich Linse treffend. Die Leute empfanden die Art und Weise, wie sie lebten, zunehmend als falsch. Sie sehnten sich nach Licht, Luft und Sonne. Nach Gesundheit, Reinheit und Wahrhaftigkeit. Sie schrien nach einer Reform. Aus diesem Verlangen nach Veränderung entstand die so genannte Lebensreformbewegung, die nach alternativen Lebensentwürfen suchte. Der Naturismus war eine Unterströmung dieser Bewegung.


Hesse in der Rehab


So verwundert es wenig, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Menschen unterschiedlichen Schlages auf dem Monte Verità einfanden. Von Teosophen und Spiritisten über Anarchisten und Künstler bis hin zu Schriftstellern und Faulenzern. Die Liste der prominenten Namen liest sich wie das Who is Who der freidenkerischen Avantgarde. Hans Arp, Paul Klee, Lenin, Bakunin, Erich Mühsam, C.G. Jung und viele andere mehr. Auch Hermann Hesse besuchte den Berg. Er unterzog sich einer Alkoholentziehungskur. Um vom flüssigen Gift wegzukommen, liess er sich nackt halstief in die heilbringende Erde eingraben. Andere gingen noch weiter. Da gab es zum Beispiel diesen einen Unbekannten, welcher der festen Überzeugung war, dass jedwede Nahrung, welche in Bodennähe gedeihe, nicht heilig genug und somit des Verzehrs nicht würdig sei. Folgerichtig ernährte er sich ausschliesslich von Kokosnüssen.


Nacktsein ist gesund, nicht sexy!


Henri sah das Ganze etwas pragmatischer. Als idealistisches Oberhaupt der Bewegung lag ihm vor allem der erlöserische Aspekt des Naturismus am Herzen. Er wollte nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitmenschen heilen. Und so kam es, dass im Jahre 1902 das „Sanatorium Monte Verità“ seine Pforten als vegetabilische Kuranstalt öffnete. Das Kernstück des Kurangebots bildeten die so genannten „Lichtluftbäder“. Männliche und weibliche Gäste konnten sich dort getrennt voneinander nackt in die wärmende Sonne legen und ihre Haut der uneingeschränkten Zufuhr gesundheitsbringender Luft aussetzen. Eine Analyse dieser Praxis gibt Aufschluss über das Verhältnis der Monte Veritaner zu ihrer Nacktheit. Nackt war man auf dem Monte Verità vor allem aus hygienischen Gründen. Dies mag paradox klingen, ist aber erklärbar. Der Körper, so Ida Hoffmann, befände sich ständig in einem selbstreinigenden Zustand. Über die Poren der Haut sondere er stetig organische Abfälle in Form von Gasen und Schweiss ab. Zwinge man den Körper in enge Kleider, so könnten diese Abfallprodukte nicht beseitigt werden. Die Luft funktioniert nach dieser Auffassung gewissermassen als Kehrichtwagen und gewährleistet die Reinigung und somit die Reinheit des Körpers. Nacktheit und Gesundheit bildeten ein unzertrennliches Begriffspaar. Die Beziehung zwischen Sexualität und Nacktheit wurde hingegen vehement geleugnet. Der nackte Körper an sich rufe keine lüsternen Gedanken hervor, diese würden erst durch die bewusste Betonung erotischer Körperstellen mit Hilfe von Kleidung geweckt, meinte Hoffmann. Die Reformkleider, welche die Gäste zum gemeinsamen Essen oder zu kulturellen Veranstaltungen trugen, waren auch dementsprechend untendenziös. Betont taillenlose, sackartige Gewänder aus porösen Stoffen, welche dem griechischen Chiton der Antike ähnlich waren und heutzutage nur allzu perfekt in einen Edward Sharpe Videoclip passen würden. Die Tatsache, dass der sexuelle Aspekt nackter Haut dermassen intensiv verdrängt wurde, wirkt etwas suspekt und wirft eine Problemstellung auf, mit welcher der Naturismus bis heute zu kämpfen hat: Kann man Nacktheit tatsächlich vollumfänglich von der Erotik lösen? Wenn ja, wieso waren die Lichtluftbäder nicht gemischtgeschlechtlich?
Für die stark katholische Tessiner Bevölkerung stand der erotische Aspekt der „nackten, langhaarigen Narren“ jedenfalls im Vordergrund. Sie waren voll der Empörung, aber auch der Neugier. In Scharen wanderten sie den Hügel hoch um einen Blick auf die Nackten zu erhaschen. Maria Adler, eine ehemalige Freundin Henris, welche sich nach einem Streit von der Kolonie abgespaltet hatte, errichtete am Fusse des Berges kurzerhand zwei Türme von denen aus man für ein Entgelt die entblössten Körper der Monte Veritaner in den durch Bretterwänden nach aussen abgeschlossenen Lichtluftbäder begutachten konnte. Es entstand ein regelrechter Spannertourismus.


Tragischer Selbstmord


Die Kosten für die Errichtung des Sanatoriums waren höher ausgefallen, als zu Beginn von Henri vermutet. Er geriet in eine finanzielle Notlage und begann daher selber mit den Schaulustigen Geld zu machen. Für stolze 2 Franken wurde jedem der Zutritt auf das Sanatoriumsgelände und die uneingeschränkte Observation der Naturisten gestattet. Auch die Nacktheit wurde nun monetär ausgeschlachtet. Als Inszenierung auf Postkarten fand sie reissenden Absatz. Man ahnt es bereits jetzt: dies war der Anfang vom Ende. Henri versuchte seine Kolonie zu retten, indem er sie in diejenigen kapitalistischen Strukturen eingliederte, deren Abschaffung die ursprüngliche Forderung der Monte Veritaner war. Um den finanziellen Untergang des Sanatoriums zu verhindern, ging er immer mehr Kompromisse ein. 1910 verpachtete er den ganzen Betrieb an Walther Müller, einen ehemaligen Kurgast, welcher die Speisekarte um tierische Produkte erweiterte und überdies Kaffe, Wein und Tabakwaren anbot. Es kamen noch weniger Gäste. Die Anziehungskraft des Monte Verità beruhte stark auf dem Mythos des „edlen Wilden“ nach rousseauschem Modell. Und dieser edle Wilde hat keine besondere Vorliebe für schicke Hotels. Als betriebswirtschaftliches Unterfangen war das Sanatorium von Beginn weg zum Scheitern verurteilt. Doch Henri und Ida glaubten weiterhin an ihren Traum vom gemeinsamen Wild-Sein. 1917 begannen sie damit, das gesamte Inventar des Sanatoriums zu liquidieren und zogen 1920 nach Spanien weiter. Dort gründeten sie wieder eine Kolonie, aber auch diese scheiterte. Sie siedelten über nach Brasilien, wo sich ihre Spur allmählich verliert.


Geistiges Erbe


7 Jahre nach Henri und Idas Verschwinden gründet der Schweizer Verleger Eduard Fankhauser die naturistische Vereinung „Schweizer Lichtbund“, welche heute „Organisation der Naturisten Schweiz (ONS)“ heisst und mit 4200 Mitgliedern den grössten offiziellen Naturistenzusammenschluss der Schweiz bildet. Nur ein Jahr später beginnt „Edi“ die Zeitschrift „Die Neue Zeit“ zu publizieren. 1937 kauft er sich ein malerisches Stück Land am Zihlkanal und beginnt damit, eine Oase für Naturisten aufzubauen. Heute ist diese Oase ein Campingplatz und heisst – wie bereits oben erwähnt – „Die Neue Zeit“. Thielle steht also in unmittelbarer Tradition zu der Naturistenbewegung auf dem Monte Verità. Ein Blick in die Stiftungsurkunde der 1961 gegründeten Stiftung Die Neue Zeit untermauert dies: „Die Stiftung bezweckt die Schaffung und Erhaltung geeigneter Voraussetzungen für eine gesunde Freizeitgestaltung im Sinne der Lebensreformer.“
Als im Jahre 2004 Gerüchte über Spannerei, öffentlichen Geschlechtsverkehr und sexuelle Nötigung auf dem Gelände kursieren, gründen einige idealistische Naturisten das „Netzwerk Renaissance Thielle“ und kämpfen erfolgreich für ein Thielle im Sinne der „echten“ Naturisten. Kennt man ihre Geschichte, so verändert sich unweigerlich das Bild der Thieller. Die Menschen hier sind nicht einfach willkürliche Nackte, die sich gegenseitig aufgeilen wollen, sondern anders denkende Naturromantiker mit einer alternativen Vorstellung von Leben. Ihr Ruf nach Entschleunigug trifft in unserer von Digitalisierung und Globalisierung dominierten postmodernen Konsumkultur durchaus den oppositionellen Zeitgeist und scheint daher heute mindestens so aktuell zu sein wie zu Henris Zeiten.


Literatur zum Thema:
Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Huber Verlag.
Michael Andritzky/Thomas Rautenberg (Hgg.): Wir sind nackt und nennen uns Du. Eine Geschichte der Freikörperkultur. Anabas Verlag.


Bilder 1, 4, 8, 9: Huber Verlag (Orell Füssli)
Bilder 2, 3, 5-7: Anabas Verlag


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KINKI Magazin, Reportage, Januar/Februar 2011, Print


Schmutz wittern, wo Reinheit herrscht


Entgegen der landläufigen Meinung ist ‹Naturismus› keine Bezeichnung für den neu aufkeimenden Ökosexismus. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des schweizerischen Naturismus auf dem Monte Verità bringt Klarheit über das Treiben der Nackten.


Von Adrian Witschi


Thielle gibt es nicht mehr. Eigentlich hat es Thielle ohnehin immer nur in Kombination mit Wavre gegeben. Thielle-Wavre, das war bis zum Ende des Jahres 2008 eine 680 Bürger umfassende Kleinstgemeinde am Zihlkanal, welcher seinerseits den Neunburger- mit dem Bielersee verbindet. Nun ist die besagte Gemeinde weg. Niemand hat sich für sie interessiert und deshalb kam es zur Fusion mit der nicht ganz so belanglosen Nachbarsgemeinde Marin-Epagnier. Das neue Paar heisst jetzt „La Tène“. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. In einschlägigen Fachzeitschriften lässt man den Namen „Thielle“ mit überbordendem Pathos wieder aufleben. Denn Thielle ist der Kosename für den Campingplatz „Die Neue Zeit“ und steht somit stellvertretend für DIE schweizerische Naturistenoase schlechthin. Sie befindet sich in Gampelen, am bernerischen Ufer des Zihlkanals und somit gegenüber des ehemaligen Thielle.


Die Freude am kultivierten Nacktsein


Was man dort zu Gesicht bekommt, ist schon erstaunlich. Die Illusion, man befände sich am eidgenössischen Swingerfest, dominiert wohl oder übel den ersten Eindruck. Bei genauerer Betrachtung ist man jedoch gezwungen, diese Meinung zu revidieren. Man erkennt eine nette, kleine Gemeinschaft von anders denkenden Menschen mit einer ausgeprägten Vorliebe für die Natur und das Nacktsein. Sie rauchen nicht, entsagen dem Alkohol und ernähren sich vegetarisch. An warmen Sommertagen entledigen sie sich ihrer Kleider – auf dem Gelände herrscht übrigens kein Nacktzwang – und machen Gebrauch von dem vielfältigen kulturellen Angebot.
Kultur ist in Thielle ein weiter Begriff. Kultur, das ist zum Beispiel Roland und seine Selbsthilfegruppe für scheiternde Männer. Da sitzt man dann nackt im Kreis und entblösst seine Seele bis die Tränen fliessen. Oder Gisela, die einem in ihrem Beckenbodenpowerkurs erklärt, wie die einzelnen Muskeln zwischen Steiss- und Schambein zu aktivieren sind. Ihre kulturelle Interessiertheit treibt die Thieller auch zu sportlichen und musikalischen Höchstleistungen an. Nackte Männer schmettern sich im Schatten der strammen Buchen schwitzend Tischtennisbälle und Bocciakugeln um die Ohren, während barbusige Frauen zärtlich die Saiten ihrer Cellokörper streicheln. Und wenn sie dann müde sind, entspannen sie sich auf einem der zahlreichen Flösse auf dem Neuenburgersee, verwöhnen die Haut mit Sonne und Luft und lassen die Genitalien baumeln. Dass es hier um Sex geht, ist ein Irrtum. Spannerei, provokante Laszivität oder anzügliches Verhalten werden mit konsequenter Wegweisung bestraft. Der Beischlaf findet im privaten Raum statt.
Was aber treibt diese Naturisten eigentlich an? Was bringt Menschen dazu, sich in gewissen Yogapositionen gegenseitig in die klaffenden After zu starren? Wieso geht jemand das Risiko ein, beim Buffet anstelle der Tofuwurst den entblössten Penis des Zeltnachbars zu fassen? Fragen, deren Antworten man nur findet, wenn man sich mit dem ideologischen Grundgerüst der Naturisten, ja mit ihrem Ursprung beschäftigt. Und der liegt nur einige hundert Kilometer südöstlich von Thielle, in Ascona.


Fortschritt durch Rückschritt: Willkommen auf dem Monte Verità


Als Henri Oedenkoven, Sohn eines belgischen Grossindustriellen, um 1900 den 3.5 Hektar grossen „Monte Monescia“ oberhalb von Ascona erwarb, war er gesellschaftsmüde, freiheitshungrig und voller Tatendrang. An seiner Seite war ein illusteres Trüppchen halbnackter Männer und Frauen. Unter ihnen auch Ida Hofmann, eine österreichische Pianistin, welche bis anhin an einem russischen Institut in Montenegro Klavierstunden erteilt hatte. Henri und Ida mochten sich. Sie hatten sich ein Jahr zuvor in der Naturheilanstalt von Arnold Rikli in Österreich kennen gelernt. Besagter Arnold Rikli – das muss an dieser Stelle erwähnt werden – war übrigens ein in Wangen an der Aare, unweit von Gampelen geborener Schweizer. Henri war zu dieser Zeit todkrank gewesen, die Schulmedizin hatte ihn aufgegeben gehabt. Ida hatte unter Depressionen gelitten. Beide fanden in der Naturheilanstalt Genesung und fassten die Gesinnung, ihr Leben radikal zu ändern. Sie zogen das Korsett und den Stehkragen aus, warfen sich Tücher um, kauften den Berg – Henri bezahlte – und nannten ihn fortan „Monte Verità“, Berg der Wahrheit. Und diese Wahrheit hiess: Naturismus!
Für Henri und die nach kurzer Zeit entstandene Kolonie von Querdenkern auf dem Monte Verità bedeutete Naturismus die radikale Rückkehr zum naturgemässen, gesunden Leben. Auch sie entsagten dem Alkohol, rauchten nicht und ernährten sich ausschliesslich von Rohkost im veganischen Sinne. Sie begannen das felsige Gelände mit Gemüsegärten und Obstbäumen zu versehen und sicherten somit ihre Autonomie durch Selbstversorgung. Alles „Unnatürliche“ musste weichen. So waren ihnen zum Beispiel auch die vorherrschenden Orthographieregeln zu künstlich. Sie ersetzten sie kurzerhand durch eine Rechtschreibung, welche sich nach dem Paradigma „Schreib, wie du sprichst“ richtete. in den brifen fon ida hoffmann findet man ausschlislich dise schreibart. Glücklich tanzten sie nun über ihren Hügel und spürten sich selber. Doch das Tun der Monte Veritaner war mehr als einfach nur hedonistische Selbstverwirklichung. Es war eine soziale Protestbewegung. Inspiriert durch Schriften Nietzsches und vor allem Tolstois waren sie für eine vehemente Ablehnung aller gesellschaftlicher Normen und Konventionen. Die Erlösung für die Menschheit glaubten sie in der Rückkehr zur Einfachheit und in der Reduktion auf das Wesentliche erkannt zu haben. Nur der Rückschritt würde die Menschen vorwärts bringen. Entschleunigung war die Waffe, welche sie einer Welt entgegenhielten, die sie für entzaubert, verkommen und dem Untergang geweiht hielten. Um diesen Fundamentalismus verstehen zu können, muss man die Welt kennen lernen, welche sie so sehr verachteten.


Verlogenheit und Krankheit zur Jahrhundertwende


Wagen wir also einen kleinen Exkurs:
Das Fin de siècle war eine diffuse Zeit. Der durch die Aufbruchsstimmung geförderte Zerfall der alten Werte führte zu einer Stimmung der Unsicherheit im Bürgertum, welche sich unter anderem in Verlogenheit und Dekadenz niederschlug. Überdies litt die Unterschicht stark unter den Folgen der zunehmenden Urbanisierung. Die Industrialisierung hatte zur Jahrhundertwende zu einer wahren Landflucht und einer Überflutung der Städte geführt. Sowohl Arbeits- als auch Lebensbedingungen verschlechterten sich drastisch. Nach einem 15-stündigen Arbeitstag in der überhitzten Fabrik ging der Durchschnittsarbeiter nach Hause in seine feuchte 20 Quadratmeterkellerloft, welche er sich mit seiner 6-köpfigen Familie teilte, heizte den Ofen ein und genoss bei einem Glas blindmachendem Billigfussel den beissenden Rauch in seinen Lungen. Musste er dann mal auf Toilette, so benutzte er seinen undichten Senkgrubenabort und wartete bis die in den Wänden versickerten Exremente in Form von Ausdünstungen wieder ihren Weg in die gute Stube gefunden hatten. Bald klopfte dann die Bleisucht oder die Tuberkulose an die verlotterte Tür und der Traum von einem besseren Leben war vorbei. „Der Körper des Industriezeitalters war ein geschundener Körper“, räsoniert der Historiker Ulrich Linse treffend. Die Leute empfanden die Art und Weise, wie sie lebten, zunehmend als falsch. Sie sehnten sich nach Licht, Luft und Sonne. Nach Gesundheit, Reinheit und Wahrhaftigkeit. Sie schrien nach einer Reform. Aus diesem Verlangen nach Veränderung entstand die so genannte Lebensreformbewegung, die nach alternativen Lebensentwürfen suchte. Der Naturismus war eine Unterströmung dieser Bewegung.


Hesse in der Rehab


So verwundert es wenig, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Menschen unterschiedlichen Schlages auf dem Monte Verità einfanden. Von Teosophen und Spiritisten über Anarchisten und Künstler bis hin zu Schriftstellern und Faulenzern. Die Liste der prominenten Namen liest sich wie das Who is Who der freidenkerischen Avantgarde. Hans Arp, Paul Klee, Lenin, Bakunin, Erich Mühsam, C.G. Jung und viele andere mehr. Auch Hermann Hesse besuchte den Berg. Er unterzog sich einer Alkoholentziehungskur. Um vom flüssigen Gift wegzukommen, liess er sich nackt halstief in die heilbringende Erde eingraben. Andere gingen noch weiter. Da gab es zum Beispiel diesen einen Unbekannten, welcher der festen Überzeugung war, dass jedwede Nahrung, welche in Bodennähe gedeihe, nicht heilig genug und somit des Verzehrs nicht würdig sei. Folgerichtig ernährte er sich ausschliesslich von Kokosnüssen.


Nacktsein ist gesund, nicht sexy!


Henri sah das Ganze etwas pragmatischer. Als idealistisches Oberhaupt der Bewegung lag ihm vor allem der erlöserische Aspekt des Naturismus am Herzen. Er wollte nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitmenschen heilen. Und so kam es, dass im Jahre 1902 das „Sanatorium Monte Verità“ seine Pforten als vegetabilische Kuranstalt öffnete. Das Kernstück des Kurangebots bildeten die so genannten „Lichtluftbäder“. Männliche und weibliche Gäste konnten sich dort getrennt voneinander nackt in die wärmende Sonne legen und ihre Haut der uneingeschränkten Zufuhr gesundheitsbringender Luft aussetzen. Eine Analyse dieser Praxis gibt Aufschluss über das Verhältnis der Monte Veritaner zu ihrer Nacktheit. Nackt war man auf dem Monte Verità vor allem aus hygienischen Gründen. Dies mag paradox klingen, ist aber erklärbar. Der Körper, so Ida Hoffmann, befände sich ständig in einem selbstreinigenden Zustand. Über die Poren der Haut sondere er stetig organische Abfälle in Form von Gasen und Schweiss ab. Zwinge man den Körper in enge Kleider, so könnten diese Abfallprodukte nicht beseitigt werden. Die Luft funktioniert nach dieser Auffassung gewissermassen als Kehrichtwagen und gewährleistet die Reinigung und somit die Reinheit des Körpers. Nacktheit und Gesundheit bildeten ein unzertrennliches Begriffspaar. Die Beziehung zwischen Sexualität und Nacktheit wurde hingegen vehement geleugnet. Der nackte Körper an sich rufe keine lüsternen Gedanken hervor, diese würden erst durch die bewusste Betonung erotischer Körperstellen mit Hilfe von Kleidung geweckt, meinte Hoffmann. Die Reformkleider, welche die Gäste zum gemeinsamen Essen oder zu kulturellen Veranstaltungen trugen, waren auch dementsprechend untendenziös. Betont taillenlose, sackartige Gewänder aus porösen Stoffen, welche dem griechischen Chiton der Antike ähnlich waren und heutzutage nur allzu perfekt in einen Edward Sharpe Videoclip passen würden. Die Tatsache, dass der sexuelle Aspekt nackter Haut dermassen intensiv verdrängt wurde, wirkt etwas suspekt und wirft eine Problemstellung auf, mit welcher der Naturismus bis heute zu kämpfen hat: Kann man Nacktheit tatsächlich vollumfänglich von der Erotik lösen? Wenn ja, wieso waren die Lichtluftbäder nicht gemischtgeschlechtlich?
Für die stark katholische Tessiner Bevölkerung stand der erotische Aspekt der „nackten, langhaarigen Narren“ jedenfalls im Vordergrund. Sie waren voll der Empörung, aber auch der Neugier. In Scharen wanderten sie den Hügel hoch um einen Blick auf die Nackten zu erhaschen. Maria Adler, eine ehemalige Freundin Henris, welche sich nach einem Streit von der Kolonie abgespaltet hatte, errichtete am Fusse des Berges kurzerhand zwei Türme von denen aus man für ein Entgelt die entblössten Körper der Monte Veritaner in den durch Bretterwänden nach aussen abgeschlossenen Lichtluftbäder begutachten konnte. Es entstand ein regelrechter Spannertourismus.


Tragischer Selbstmord


Die Kosten für die Errichtung des Sanatoriums waren höher ausgefallen, als zu Beginn von Henri vermutet. Er geriet in eine finanzielle Notlage und begann daher selber mit den Schaulustigen Geld zu machen. Für stolze 2 Franken wurde jedem der Zutritt auf das Sanatoriumsgelände und die uneingeschränkte Observation der Naturisten gestattet. Auch die Nacktheit wurde nun monetär ausgeschlachtet. Als Inszenierung auf Postkarten fand sie reissenden Absatz. Man ahnt es bereits jetzt: dies war der Anfang vom Ende. Henri versuchte seine Kolonie zu retten, indem er sie in diejenigen kapitalistischen Strukturen eingliederte, deren Abschaffung die ursprüngliche Forderung der Monte Veritaner war. Um den finanziellen Untergang des Sanatoriums zu verhindern, ging er immer mehr Kompromisse ein. 1910 verpachtete er den ganzen Betrieb an Walther Müller, einen ehemaligen Kurgast, welcher die Speisekarte um tierische Produkte erweiterte und überdies Kaffe, Wein und Tabakwaren anbot. Es kamen noch weniger Gäste. Die Anziehungskraft des Monte Verità beruhte stark auf dem Mythos des „edlen Wilden“ nach rousseauschem Modell. Und dieser edle Wilde hat keine besondere Vorliebe für schicke Hotels. Als betriebswirtschaftliches Unterfangen war das Sanatorium von Beginn weg zum Scheitern verurteilt. Doch Henri und Ida glaubten weiterhin an ihren Traum vom gemeinsamen Wild-Sein. 1917 begannen sie damit, das gesamte Inventar des Sanatoriums zu liquidieren und zogen 1920 nach Spanien weiter. Dort gründeten sie wieder eine Kolonie, aber auch diese scheiterte. Sie siedelten über nach Brasilien, wo sich ihre Spur allmählich verliert.


Geistiges Erbe


7 Jahre nach Henri und Idas Verschwinden gründet der Schweizer Verleger Eduard Fankhauser die naturistische Vereinung „Schweizer Lichtbund“, welche heute „Organisation der Naturisten Schweiz (ONS)“ heisst und mit 4200 Mitgliedern den grössten offiziellen Naturistenzusammenschluss der Schweiz bildet. Nur ein Jahr später beginnt „Edi“ die Zeitschrift „Die Neue Zeit“ zu publizieren. 1937 kauft er sich ein malerisches Stück Land am Zihlkanal und beginnt damit, eine Oase für Naturisten aufzubauen. Heute ist diese Oase ein Campingplatz und heisst – wie bereits oben erwähnt – „Die Neue Zeit“. Thielle steht also in unmittelbarer Tradition zu der Naturistenbewegung auf dem Monte Verità. Ein Blick in die Stiftungsurkunde der 1961 gegründeten Stiftung Die Neue Zeit untermauert dies: „Die Stiftung bezweckt die Schaffung und Erhaltung geeigneter Voraussetzungen für eine gesunde Freizeitgestaltung im Sinne der Lebensreformer.“
Als im Jahre 2004 Gerüchte über Spannerei, öffentlichen Geschlechtsverkehr und sexuelle Nötigung auf dem Gelände kursieren, gründen einige idealistische Naturisten das „Netzwerk Renaissance Thielle“ und kämpfen erfolgreich für ein Thielle im Sinne der „echten“ Naturisten. Kennt man ihre Geschichte, so verändert sich unweigerlich das Bild der Thieller. Die Menschen hier sind nicht einfach willkürliche Nackte, die sich gegenseitig aufgeilen wollen, sondern anders denkende Naturromantiker mit einer alternativen Vorstellung von Leben. Ihr Ruf nach Entschleunigug trifft in unserer von Digitalisierung und Globalisierung dominierten postmodernen Konsumkultur durchaus den oppositionellen Zeitgeist und scheint daher heute mindestens so aktuell zu sein wie zu Henris Zeiten.


Literatur zum Thema:
Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Huber Verlag.
Michael Andritzky/Thomas Rautenberg (Hgg.): Wir sind nackt und nennen uns Du. Eine Geschichte der Freikörperkultur. Anabas Verlag.


Bilder 1, 4, 8, 9: Huber Verlag (Orell Füssli)
Bilder 2, 3, 5-7: Anabas Verlag


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Schmutz wittern, wo Reinheit herrscht


Entgegen der landläufigen Meinung ist ‹Naturismus› keine Bezeichnung für den neu aufkeimenden Ökosexismus. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des schweizerischen Naturismus auf dem Monte Verità bringt Klarheit über das Treiben der Nackten.


Von Adrian Witschi


Thielle gibt es nicht mehr. Eigentlich hat es Thielle ohnehin immer nur in Kombination mit Wavre gegeben. Thielle-Wavre, das war bis zum Ende des Jahres 2008 eine 680 Bürger umfassende Kleinstgemeinde am Zihlkanal, welcher seinerseits den Neunburger- mit dem Bielersee verbindet. Nun ist die besagte Gemeinde weg. Niemand hat sich für sie interessiert und deshalb kam es zur Fusion mit der nicht ganz so belanglosen Nachbarsgemeinde Marin-Epagnier. Das neue Paar heisst jetzt „La Tène“. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger. In einschlägigen Fachzeitschriften lässt man den Namen „Thielle“ mit überbordendem Pathos wieder aufleben. Denn Thielle ist der Kosename für den Campingplatz „Die Neue Zeit“ und steht somit stellvertretend für DIE schweizerische Naturistenoase schlechthin. Sie befindet sich in Gampelen, am bernerischen Ufer des Zihlkanals und somit gegenüber des ehemaligen Thielle.


Die Freude am kultivierten Nacktsein


Was man dort zu Gesicht bekommt, ist schon erstaunlich. Die Illusion, man befände sich am eidgenössischen Swingerfest, dominiert wohl oder übel den ersten Eindruck. Bei genauerer Betrachtung ist man jedoch gezwungen, diese Meinung zu revidieren. Man erkennt eine nette, kleine Gemeinschaft von anders denkenden Menschen mit einer ausgeprägten Vorliebe für die Natur und das Nacktsein. Sie rauchen nicht, entsagen dem Alkohol und ernähren sich vegetarisch. An warmen Sommertagen entledigen sie sich ihrer Kleider – auf dem Gelände herrscht übrigens kein Nacktzwang – und machen Gebrauch von dem vielfältigen kulturellen Angebot.
Kultur ist in Thielle ein weiter Begriff. Kultur, das ist zum Beispiel Roland und seine Selbsthilfegruppe für scheiternde Männer. Da sitzt man dann nackt im Kreis und entblösst seine Seele bis die Tränen fliessen. Oder Gisela, die einem in ihrem Beckenbodenpowerkurs erklärt, wie die einzelnen Muskeln zwischen Steiss- und Schambein zu aktivieren sind. Ihre kulturelle Interessiertheit treibt die Thieller auch zu sportlichen und musikalischen Höchstleistungen an. Nackte Männer schmettern sich im Schatten der strammen Buchen schwitzend Tischtennisbälle und Bocciakugeln um die Ohren, während barbusige Frauen zärtlich die Saiten ihrer Cellokörper streicheln. Und wenn sie dann müde sind, entspannen sie sich auf einem der zahlreichen Flösse auf dem Neuenburgersee, verwöhnen die Haut mit Sonne und Luft und lassen die Genitalien baumeln. Dass es hier um Sex geht, ist ein Irrtum. Spannerei, provokante Laszivität oder anzügliches Verhalten werden mit konsequenter Wegweisung bestraft. Der Beischlaf findet im privaten Raum statt.
Was aber treibt diese Naturisten eigentlich an? Was bringt Menschen dazu, sich in gewissen Yogapositionen gegenseitig in die klaffenden After zu starren? Wieso geht jemand das Risiko ein, beim Buffet anstelle der Tofuwurst den entblössten Penis des Zeltnachbars zu fassen? Fragen, deren Antworten man nur findet, wenn man sich mit dem ideologischen Grundgerüst der Naturisten, ja mit ihrem Ursprung beschäftigt. Und der liegt nur einige hundert Kilometer südöstlich von Thielle, in Ascona.


Fortschritt durch Rückschritt: Willkommen auf dem Monte Verità


Als Henri Oedenkoven, Sohn eines belgischen Grossindustriellen, um 1900 den 3.5 Hektar grossen „Monte Monescia“ oberhalb von Ascona erwarb, war er gesellschaftsmüde, freiheitshungrig und voller Tatendrang. An seiner Seite war ein illusteres Trüppchen halbnackter Männer und Frauen. Unter ihnen auch Ida Hofmann, eine österreichische Pianistin, welche bis anhin an einem russischen Institut in Montenegro Klavierstunden erteilt hatte. Henri und Ida mochten sich. Sie hatten sich ein Jahr zuvor in der Naturheilanstalt von Arnold Rikli in Österreich kennen gelernt. Besagter Arnold Rikli – das muss an dieser Stelle erwähnt werden – war übrigens ein in Wangen an der Aare, unweit von Gampelen geborener Schweizer. Henri war zu dieser Zeit todkrank gewesen, die Schulmedizin hatte ihn aufgegeben gehabt. Ida hatte unter Depressionen gelitten. Beide fanden in der Naturheilanstalt Genesung und fassten die Gesinnung, ihr Leben radikal zu ändern. Sie zogen das Korsett und den Stehkragen aus, warfen sich Tücher um, kauften den Berg – Henri bezahlte – und nannten ihn fortan „Monte Verità“, Berg der Wahrheit. Und diese Wahrheit hiess: Naturismus!
Für Henri und die nach kurzer Zeit entstandene Kolonie von Querdenkern auf dem Monte Verità bedeutete Naturismus die radikale Rückkehr zum naturgemässen, gesunden Leben. Auch sie entsagten dem Alkohol, rauchten nicht und ernährten sich ausschliesslich von Rohkost im veganischen Sinne. Sie begannen das felsige Gelände mit Gemüsegärten und Obstbäumen zu versehen und sicherten somit ihre Autonomie durch Selbstversorgung. Alles „Unnatürliche“ musste weichen. So waren ihnen zum Beispiel auch die vorherrschenden Orthographieregeln zu künstlich. Sie ersetzten sie kurzerhand durch eine Rechtschreibung, welche sich nach dem Paradigma „Schreib, wie du sprichst“ richtete. in den brifen fon ida hoffmann findet man ausschlislich dise schreibart. Glücklich tanzten sie nun über ihren Hügel und spürten sich selber. Doch das Tun der Monte Veritaner war mehr als einfach nur hedonistische Selbstverwirklichung. Es war eine soziale Protestbewegung. Inspiriert durch Schriften Nietzsches und vor allem Tolstois waren sie für eine vehemente Ablehnung aller gesellschaftlicher Normen und Konventionen. Die Erlösung für die Menschheit glaubten sie in der Rückkehr zur Einfachheit und in der Reduktion auf das Wesentliche erkannt zu haben. Nur der Rückschritt würde die Menschen vorwärts bringen. Entschleunigung war die Waffe, welche sie einer Welt entgegenhielten, die sie für entzaubert, verkommen und dem Untergang geweiht hielten. Um diesen Fundamentalismus verstehen zu können, muss man die Welt kennen lernen, welche sie so sehr verachteten.


Verlogenheit und Krankheit zur Jahrhundertwende


Wagen wir also einen kleinen Exkurs:
Das Fin de siècle war eine diffuse Zeit. Der durch die Aufbruchsstimmung geförderte Zerfall der alten Werte führte zu einer Stimmung der Unsicherheit im Bürgertum, welche sich unter anderem in Verlogenheit und Dekadenz niederschlug. Überdies litt die Unterschicht stark unter den Folgen der zunehmenden Urbanisierung. Die Industrialisierung hatte zur Jahrhundertwende zu einer wahren Landflucht und einer Überflutung der Städte geführt. Sowohl Arbeits- als auch Lebensbedingungen verschlechterten sich drastisch. Nach einem 15-stündigen Arbeitstag in der überhitzten Fabrik ging der Durchschnittsarbeiter nach Hause in seine feuchte 20 Quadratmeterkellerloft, welche er sich mit seiner 6-köpfigen Familie teilte, heizte den Ofen ein und genoss bei einem Glas blindmachendem Billigfussel den beissenden Rauch in seinen Lungen. Musste er dann mal auf Toilette, so benutzte er seinen undichten Senkgrubenabort und wartete bis die in den Wänden versickerten Exremente in Form von Ausdünstungen wieder ihren Weg in die gute Stube gefunden hatten. Bald klopfte dann die Bleisucht oder die Tuberkulose an die verlotterte Tür und der Traum von einem besseren Leben war vorbei. „Der Körper des Industriezeitalters war ein geschundener Körper“, räsoniert der Historiker Ulrich Linse treffend. Die Leute empfanden die Art und Weise, wie sie lebten, zunehmend als falsch. Sie sehnten sich nach Licht, Luft und Sonne. Nach Gesundheit, Reinheit und Wahrhaftigkeit. Sie schrien nach einer Reform. Aus diesem Verlangen nach Veränderung entstand die so genannte Lebensreformbewegung, die nach alternativen Lebensentwürfen suchte. Der Naturismus war eine Unterströmung dieser Bewegung.


Hesse in der Rehab


So verwundert es wenig, dass sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Menschen unterschiedlichen Schlages auf dem Monte Verità einfanden. Von Teosophen und Spiritisten über Anarchisten und Künstler bis hin zu Schriftstellern und Faulenzern. Die Liste der prominenten Namen liest sich wie das Who is Who der freidenkerischen Avantgarde. Hans Arp, Paul Klee, Lenin, Bakunin, Erich Mühsam, C.G. Jung und viele andere mehr. Auch Hermann Hesse besuchte den Berg. Er unterzog sich einer Alkoholentziehungskur. Um vom flüssigen Gift wegzukommen, liess er sich nackt halstief in die heilbringende Erde eingraben. Andere gingen noch weiter. Da gab es zum Beispiel diesen einen Unbekannten, welcher der festen Überzeugung war, dass jedwede Nahrung, welche in Bodennähe gedeihe, nicht heilig genug und somit des Verzehrs nicht würdig sei. Folgerichtig ernährte er sich ausschliesslich von Kokosnüssen.


Nacktsein ist gesund, nicht sexy!


Henri sah das Ganze etwas pragmatischer. Als idealistisches Oberhaupt der Bewegung lag ihm vor allem der erlöserische Aspekt des Naturismus am Herzen. Er wollte nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitmenschen heilen. Und so kam es, dass im Jahre 1902 das „Sanatorium Monte Verità“ seine Pforten als vegetabilische Kuranstalt öffnete. Das Kernstück des Kurangebots bildeten die so genannten „Lichtluftbäder“. Männliche und weibliche Gäste konnten sich dort getrennt voneinander nackt in die wärmende Sonne legen und ihre Haut der uneingeschränkten Zufuhr gesundheitsbringender Luft aussetzen. Eine Analyse dieser Praxis gibt Aufschluss über das Verhältnis der Monte Veritaner zu ihrer Nacktheit. Nackt war man auf dem Monte Verità vor allem aus hygienischen Gründen. Dies mag paradox klingen, ist aber erklärbar. Der Körper, so Ida Hoffmann, befände sich ständig in einem selbstreinigenden Zustand. Über die Poren der Haut sondere er stetig organische Abfälle in Form von Gasen und Schweiss ab. Zwinge man den Körper in enge Kleider, so könnten diese Abfallprodukte nicht beseitigt werden. Die Luft funktioniert nach dieser Auffassung gewissermassen als Kehrichtwagen und gewährleistet die Reinigung und somit die Reinheit des Körpers. Nacktheit und Gesundheit bildeten ein unzertrennliches Begriffspaar. Die Beziehung zwischen Sexualität und Nacktheit wurde hingegen vehement geleugnet. Der nackte Körper an sich rufe keine lüsternen Gedanken hervor, diese würden erst durch die bewusste Betonung erotischer Körperstellen mit Hilfe von Kleidung geweckt, meinte Hoffmann. Die Reformkleider, welche die Gäste zum gemeinsamen Essen oder zu kulturellen Veranstaltungen trugen, waren auch dementsprechend untendenziös. Betont taillenlose, sackartige Gewänder aus porösen Stoffen, welche dem griechischen Chiton der Antike ähnlich waren und heutzutage nur allzu perfekt in einen Edward Sharpe Videoclip passen würden. Die Tatsache, dass der sexuelle Aspekt nackter Haut dermassen intensiv verdrängt wurde, wirkt etwas suspekt und wirft eine Problemstellung auf, mit welcher der Naturismus bis heute zu kämpfen hat: Kann man Nacktheit tatsächlich vollumfänglich von der Erotik lösen? Wenn ja, wieso waren die Lichtluftbäder nicht gemischtgeschlechtlich?
Für die stark katholische Tessiner Bevölkerung stand der erotische Aspekt der „nackten, langhaarigen Narren“ jedenfalls im Vordergrund. Sie waren voll der Empörung, aber auch der Neugier. In Scharen wanderten sie den Hügel hoch um einen Blick auf die Nackten zu erhaschen. Maria Adler, eine ehemalige Freundin Henris, welche sich nach einem Streit von der Kolonie abgespaltet hatte, errichtete am Fusse des Berges kurzerhand zwei Türme von denen aus man für ein Entgelt die entblössten Körper der Monte Veritaner in den durch Bretterwänden nach aussen abgeschlossenen Lichtluftbäder begutachten konnte. Es entstand ein regelrechter Spannertourismus.


Tragischer Selbstmord


Die Kosten für die Errichtung des Sanatoriums waren höher ausgefallen, als zu Beginn von Henri vermutet. Er geriet in eine finanzielle Notlage und begann daher selber mit den Schaulustigen Geld zu machen. Für stolze 2 Franken wurde jedem der Zutritt auf das Sanatoriumsgelände und die uneingeschränkte Observation der Naturisten gestattet. Auch die Nacktheit wurde nun monetär ausgeschlachtet. Als Inszenierung auf Postkarten fand sie reissenden Absatz. Man ahnt es bereits jetzt: dies war der Anfang vom Ende. Henri versuchte seine Kolonie zu retten, indem er sie in diejenigen kapitalistischen Strukturen eingliederte, deren Abschaffung die ursprüngliche Forderung der Monte Veritaner war. Um den finanziellen Untergang des Sanatoriums zu verhindern, ging er immer mehr Kompromisse ein. 1910 verpachtete er den ganzen Betrieb an Walther Müller, einen ehemaligen Kurgast, welcher die Speisekarte um tierische Produkte erweiterte und überdies Kaffe, Wein und Tabakwaren anbot. Es kamen noch weniger Gäste. Die Anziehungskraft des Monte Verità beruhte stark auf dem Mythos des „edlen Wilden“ nach rousseauschem Modell. Und dieser edle Wilde hat keine besondere Vorliebe für schicke Hotels. Als betriebswirtschaftliches Unterfangen war das Sanatorium von Beginn weg zum Scheitern verurteilt. Doch Henri und Ida glaubten weiterhin an ihren Traum vom gemeinsamen Wild-Sein. 1917 begannen sie damit, das gesamte Inventar des Sanatoriums zu liquidieren und zogen 1920 nach Spanien weiter. Dort gründeten sie wieder eine Kolonie, aber auch diese scheiterte. Sie siedelten über nach Brasilien, wo sich ihre Spur allmählich verliert.


Geistiges Erbe


7 Jahre nach Henri und Idas Verschwinden gründet der Schweizer Verleger Eduard Fankhauser die naturistische Vereinung „Schweizer Lichtbund“, welche heute „Organisation der Naturisten Schweiz (ONS)“ heisst und mit 4200 Mitgliedern den grössten offiziellen Naturistenzusammenschluss der Schweiz bildet. Nur ein Jahr später beginnt „Edi“ die Zeitschrift „Die Neue Zeit“ zu publizieren. 1937 kauft er sich ein malerisches Stück Land am Zihlkanal und beginnt damit, eine Oase für Naturisten aufzubauen. Heute ist diese Oase ein Campingplatz und heisst – wie bereits oben erwähnt – „Die Neue Zeit“. Thielle steht also in unmittelbarer Tradition zu der Naturistenbewegung auf dem Monte Verità. Ein Blick in die Stiftungsurkunde der 1961 gegründeten Stiftung Die Neue Zeit untermauert dies: „Die Stiftung bezweckt die Schaffung und Erhaltung geeigneter Voraussetzungen für eine gesunde Freizeitgestaltung im Sinne der Lebensreformer.“
Als im Jahre 2004 Gerüchte über Spannerei, öffentlichen Geschlechtsverkehr und sexuelle Nötigung auf dem Gelände kursieren, gründen einige idealistische Naturisten das „Netzwerk Renaissance Thielle“ und kämpfen erfolgreich für ein Thielle im Sinne der „echten“ Naturisten. Kennt man ihre Geschichte, so verändert sich unweigerlich das Bild der Thieller. Die Menschen hier sind nicht einfach willkürliche Nackte, die sich gegenseitig aufgeilen wollen, sondern anders denkende Naturromantiker mit einer alternativen Vorstellung von Leben. Ihr Ruf nach Entschleunigug trifft in unserer von Digitalisierung und Globalisierung dominierten postmodernen Konsumkultur durchaus den oppositionellen Zeitgeist und scheint daher heute mindestens so aktuell zu sein wie zu Henris Zeiten.


Literatur zum Thema:
Robert Landmann: Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies. Huber Verlag.
Michael Andritzky/Thomas Rautenberg (Hgg.): Wir sind nackt und nennen uns Du. Eine Geschichte der Freikörperkultur. Anabas Verlag.


Bilder 1, 4, 8, 9: Huber Verlag (Orell Füssli)
Bilder 2, 3, 5-7: Anabas Verlag


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