DAS MAGAZIN, Ein Tag im Leben, April 2012, Print


Ein Tag im Leben


Gerhard Falkner, 60, Autor und Übersetzer, übersetzt gerade Mark Z. Danielewskis Roman «Only Revolutions» ins Deutsche. Das galt bisher als unmöglich.


Von Adrian Witschi


Ich stehe um 3 Uhr 45 auf, wasche mich und schalte den Computer ein. Es ist dann noch Nacht in Berlin und der Hinterhof dunkel und still. Um 4 Uhr beginne ich mit der Arbeit, um 6 Uhr mache ich mir die erste Kanne Tee.
Seit ich «Only Revolutions» übersetze, habe ich mein normales Leben verloren. Ich verbringe jetzt 12 bis 16 Stunden am Tag am Schreibtisch, mit zugezogenen Vorhängen. Ich habe das Buch von einer anderen Übersetzerin übernommen, die wegen eines Burnouts nicht daran weiterarbeiten konnte. Am Anfang habe ich mir gedacht, das schaffen wir sicher in einem Jahr. Das war ein Irrtum. Meine Frau und ich arbeiten nun schon zwei Jahre daran.
Wir haben schon mehr als dreissig Bücher aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt. Die Zusammenarbeit mit ihr ist extrem wichtig. Zuerst muss man die Sätze in ihrer grammatikalischen Struktur durchschauen. Das ist die Arbeit meiner Frau, sie hat einen grammatikalischen Röntgenblick. Erst wenn dieses Grundgerüst steht, kann ich mich an den stilistischen Aufbau, die rhythmischen Strukturen und an die Recherche machen.
Nach drei bis vier Stunden Arbeit mache ich eine kurze Gymnastik. Zwanzig Sit-ups, zehn Liegestützen, Kopfstand. Gegen 11 Uhr nehme ich dann ein Bad, mindestens eine halbe Stunde. Da lese ich meist Herodot oder Homer und versuche mich zu regenerieren, die Konzentration wiederzugewinnen. Diese Übersetzung ist auch eine körperliche Belastung. Wenn man immer am Schreibtisch sitzt und sich nicht mehr bewegt, dann verdaut man auch nicht mehr richtig. Ich esse daher auch nur selten zu Mittag. Mit der zweiten Kanne Tee setze ich mich nach dem Bad wieder an den Schreibtisch und öffne die Mails meiner Frau. Wir arbeiten an getrennten Orten. Sie in unserem Haus in Bayern und ich in meiner Arbeitswohnung in Berlin. Die Texte schicken wir uns per Mail hin und her. Mittlerweile sind das über 60 Dateien. Diese Mails sind mein einziger Kontakt zur Aussenwelt. Ich kommuniziere nicht, lese keine Zeitungen, erhalte keine Anrufe.
Alles an diesem Buch ist schwierig. Absolut alles. Es gibt nichts, das an dieser Übersetzung leicht ist. Ausser der Name Danielewski. Das Buch betreibt eine Selbstverheimlichung. Man muss auf jeder Seite zuerst herausfinden, um was es eigentlich geht. Die Worte «hit, ball, push, bang, crash, bat, cane» bedeuten zum Beispiel alle sowohl Geschlechtsverkehr als auch etwas in der Drogensprache, beim Autofahren und in allen Sportarten. Da sitzt man dann vor diesen Worten und fragt sich, ob die Protagonisten jetzt Autofahren, Sex haben oder Baseball spielen. Zudem verwendet Danielewski ganz viele Worte, die im Deutschen überhaupt keine Entsprechungen haben. Die muss man dann durch etwas Sinnähnliches ersetzen, das die Intention des Absatzes bedient. Etwas auszudrücken, das im Deutschen so nicht ausdrückbar ist, finde ich sehr reizvoll. Es ist aber auch unheimlich zeitaufwendig. Bei einem «normalen» Buch brauche ich etwa 25 Minuten für eine Seite Übersetzung. Bei «Only Revolutions» mindestens das Zehnfache.
Ich habe keinen festen Feierabend. Wenn ich aber merke, dass die Konzentration wegsackt, dann höre ich meistens auf. Ich öffne mir dann eine Flasche Wein, das hilft beim Abschalten. Es ist unheimlich schwierig, diesen Text am Abend wieder aus dem Kopf zu bringen. Man hängt da jeden Tag über 12 Stunden drin und füttert das Gehirn mit derart vielen Informationen, dass man am Abend fast nicht wieder runterkommt.


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Ein Tag im Leben


Gerhard Falkner, 60, Autor und Übersetzer, übersetzt gerade Mark Z. Danielewskis Roman «Only Revolutions» ins Deutsche. Das galt bisher als unmöglich.


Von Adrian Witschi


Ich stehe um 3 Uhr 45 auf, wasche mich und schalte den Computer ein. Es ist dann noch Nacht in Berlin und der Hinterhof dunkel und still. Um 4 Uhr beginne ich mit der Arbeit, um 6 Uhr mache ich mir die erste Kanne Tee.
Seit ich «Only Revolutions» übersetze, habe ich mein normales Leben verloren. Ich verbringe jetzt 12 bis 16 Stunden am Tag am Schreibtisch, mit zugezogenen Vorhängen. Ich habe das Buch von einer anderen Übersetzerin übernommen, die wegen eines Burnouts nicht daran weiterarbeiten konnte. Am Anfang habe ich mir gedacht, das schaffen wir sicher in einem Jahr. Das war ein Irrtum. Meine Frau und ich arbeiten nun schon zwei Jahre daran.
Wir haben schon mehr als dreissig Bücher aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt. Die Zusammenarbeit mit ihr ist extrem wichtig. Zuerst muss man die Sätze in ihrer grammatikalischen Struktur durchschauen. Das ist die Arbeit meiner Frau, sie hat einen grammatikalischen Röntgenblick. Erst wenn dieses Grundgerüst steht, kann ich mich an den stilistischen Aufbau, die rhythmischen Strukturen und an die Recherche machen.
Nach drei bis vier Stunden Arbeit mache ich eine kurze Gymnastik. Zwanzig Sit-ups, zehn Liegestützen, Kopfstand. Gegen 11 Uhr nehme ich dann ein Bad, mindestens eine halbe Stunde. Da lese ich meist Herodot oder Homer und versuche mich zu regenerieren, die Konzentration wiederzugewinnen. Diese Übersetzung ist auch eine körperliche Belastung. Wenn man immer am Schreibtisch sitzt und sich nicht mehr bewegt, dann verdaut man auch nicht mehr richtig. Ich esse daher auch nur selten zu Mittag. Mit der zweiten Kanne Tee setze ich mich nach dem Bad wieder an den Schreibtisch und öffne die Mails meiner Frau. Wir arbeiten an getrennten Orten. Sie in unserem Haus in Bayern und ich in meiner Arbeitswohnung in Berlin. Die Texte schicken wir uns per Mail hin und her. Mittlerweile sind das über 60 Dateien. Diese Mails sind mein einziger Kontakt zur Aussenwelt. Ich kommuniziere nicht, lese keine Zeitungen, erhalte keine Anrufe.
Alles an diesem Buch ist schwierig. Absolut alles. Es gibt nichts, das an dieser Übersetzung leicht ist. Ausser der Name Danielewski. Das Buch betreibt eine Selbstverheimlichung. Man muss auf jeder Seite zuerst herausfinden, um was es eigentlich geht. Die Worte «hit, ball, push, bang, crash, bat, cane» bedeuten zum Beispiel alle sowohl Geschlechtsverkehr als auch etwas in der Drogensprache, beim Autofahren und in allen Sportarten. Da sitzt man dann vor diesen Worten und fragt sich, ob die Protagonisten jetzt Autofahren, Sex haben oder Baseball spielen. Zudem verwendet Danielewski ganz viele Worte, die im Deutschen überhaupt keine Entsprechungen haben. Die muss man dann durch etwas Sinnähnliches ersetzen, das die Intention des Absatzes bedient. Etwas auszudrücken, das im Deutschen so nicht ausdrückbar ist, finde ich sehr reizvoll. Es ist aber auch unheimlich zeitaufwendig. Bei einem «normalen» Buch brauche ich etwa 25 Minuten für eine Seite Übersetzung. Bei «Only Revolutions» mindestens das Zehnfache.
Ich habe keinen festen Feierabend. Wenn ich aber merke, dass die Konzentration wegsackt, dann höre ich meistens auf. Ich öffne mir dann eine Flasche Wein, das hilft beim Abschalten. Es ist unheimlich schwierig, diesen Text am Abend wieder aus dem Kopf zu bringen. Man hängt da jeden Tag über 12 Stunden drin und füttert das Gehirn mit derart vielen Informationen, dass man am Abend fast nicht wieder runterkommt.


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